Ein Wunder ist es,
dass ich beim Lärm der alten Klimaanlage überhaupt
eingeschlafen bin, aber ohne dieselbe wäre es klimatisch
sehr unangenehm geworden. Während des recht schmackhaften
Frühstücks komme ich mit einem älteren Amerikaner
ins Gespräch. Er zieht mit seinen etwa 60 Jahren seit 7
Monaten von Nord nach Süd durch den Kontinent. Momentan
hat er, wie er sagt, ein "fucking problem": Für
seine gekauften Ansichtskarten gibt es nirgends Briefmarken!
Na wenn es weiter nichts ist! Kamerun gefällt ihm von den
besuchten afrikanischen Ländern bisher mit Abstand am Besten.
Wir verlassen die ruhige Seemannsmission. Gleich nach dem Tor
sieht man, was gestern noch in der Dunkelheit verborgen war:
Die ungeteerte kleine Straße, einziger Zugang zur Seemannsmission,
wird gesäumt von armseligen Wellblech- und Bretterbuden
und der offenen Kanalisation. Diese Straße mündet
in eine größere, befestigte, an deren Ecke eifrig
Autos per Hand gewaschen werden. Gleich in Sichtweite ist der
Boulevard de la Liberté,
die "Flaniermeile" der Stadt mit einigen besseren
Hotels, Banken und Geschäften.
Douala ist DIE Wirtschaftsmetropole Kameruns und Hauptstadt
der Provinz Littoral und mit 1,5 Mill. Einwohnern die mit Abstand
größte Stadt des Landes. Meist ist es hier zwar nur
25 - 30 °C heiß, aber die Luftfeuchtigkeit von rund
98 % ist für einen Mitteleuropäer mehr als gewöhnungsbedürftig!
Das die Stadt sehr schmutzig und heruntergekommen ist, war mir
bekannt und stört mich nicht weiter. Wo kein Geld für
das Notwendigste da ist, ist erst recht keines für Sauberkeit
und nette Fassaden vorhanden, auch ist die Mentalität der
Leute hier, diese Punkte betreffend, eine ganz andere. Aufpassen
muss man bei den Abwasserkanälen, die sind zwar teilweise
mit kleinen Betonplatten abgedeckt, viele sind jedoch brüchig,
kaputt oder gar nicht vorhanden. Der Abwasserkanal dient meist
auch als Mülltonne oder öffentliches Pissoir . In
anderen afrikanischen Ländern sind sie ganz offen.
Nachdem wir gestern
jeder nur 50 Euro am Flughafen getauscht hatten, steuern wir
zuerst eine Bank zum weiteren Geldtausch an. Die Eco Bank,
unser erstes Ziel am Boulevard de la Liberté, tauscht
noch keine Euro in CFA, erst Anfang Februar. In der nächsten
Bank, der Standard Chattered ist eine größere Schlange
vor dem für uns relevanten Schalter. Wir fragen ein junges
amerikanisches Globetrotterpaar nach den Modalitäten.
Sie haben nur Travellerschecks und verweisen ziemlich verärgert
auf immense Gebühren: bei 150 US Dollar etwa 20% ! Toll!
Wenn das bei Euro-Bargeld genauso läuft... Am Schalter
geht es nur sehr langsam vorwärts. Wir lernen dort Georges
kennen, einen libanesischen Restaurant-Besitzer, der gerade
ein paar Millionen CFA abgehoben hat. Er fragt, ob wir mit
ihm tauschen wollen, natürlich ohne Gebühren. Wir
willigen ein, haben binnen 2 Minuten das gewünschte Bargeld
ohne Gebühren. Georges lädt uns ein, ihn abends
in seinem Restaurant "La Cigale" zu besuchen. Wir
fragen, ob er libanesische Küche hat. Er verneint, nur
französische und italienische Küche - wir lehnen
höflich ab. Georges und sein Sohn geben uns noch ein
paar Sicherheitstipps für Douala mit auf dem Weg. Wir
sollen stets etwa 10000 CFA (15 Euro) im Brustbeutel haben,
den Rest gut versteckt am Körper tragen. Diese Summe
reicht bei Überfällen meist aus. Kein oder weniger
Geld würde nur eine Leibesvisitation der Angreifer provozieren.
Mein Geld habe ich sowieso im Gürtel und in einem HiddenPocket
versteckt. Das wir nachts Taxis in Douala nehmen sollen, war
uns jedoch schon bekannt. Im Reiseführer steht auch tagsüber,
aber das macht keinen Spaß. Man sollte sich auch nicht
zu sehr davon einschüchtern lassen, jedoch vorsichtig
und mit offenen Augen durch die Stadt gehen.
Als nächstes
suchen wir eine Apotheke auf, da Michael einem Bekannten ein
neues chinesisches Malaria-StandBy-Mittel mitbringen soll.
Cotecxin soll auf rein pflanzlicher Basis hergestellt sein
und sehr schnell wirken. Leider bekommt man es bei uns noch
nicht. Ich kaufe mir auch gleich eine Packung, obwohl ich
mit Malerone eine sehr gute (leider extrem teure) Prophylaxe
habe. In Afrika sollen sowieso die besseren Malariamittel
erhältlich sein und das zu einem Bruchteil des Preises
in Europa. Wichtig ist hierbei, auf die Charge zu achten.
Zudem sollte nur in offiziellen Apotheken gekauft werden,
um den Erwerb einer Fälschung auszuschließen. Auf
dem Weg durch die Stadt wird man als Weißer ständig
angesprochen. Meistens soll man etwas kaufen oder Bettlern
etwas zukommen lassen. Da wir natürlich nicht mit Geld
um uns werfen können, macht jeder für sich einen
Betrag aus, den er für Bedürftige pro Tag hergeben
will. Wir haben diesen Betrag im Laufe der Zeit auf ca. 200-300
CFA eingepegelt. Das bisschen Geld bekommen jedoch nur für
uns sichtbar Bedürftige: Körperlich oder geistig
Behinderte, da es diese in der afrikanischen Gesellschaft
am Schwersten haben. Kindern geben wir generell kein Geld,
da diese dann oft nicht mehr zur Schule gehen, da Betteln
einträglicher erscheint. Der nächste Weg führt
uns in ein Internet-Office, die es am Boulevard de la Liberté
und anderswo in Douala zahlreich gibt. Die Stunde kostet meist
1000 CFA, ist also recht preisgünstig. Die Verbindung
ist auch akzeptabel. Wir schicken eine erste Mail nach Deutschland.
Da Douala keine
wesentlichen Sehenswürdigkeiten (außer vielleicht
die Kathedrale und die Palastpagode von Manga Bell) bietet,
nur aus ein paar heruntergekommenen Boulevards, Industriegebieten
und riesigen Slums besteht, wollen wir uns die Stadt im Schnelldurchlauf
per Taxi anschauen. Nach 3 Versuchen geben wir es auf, einen
englischsprachigen Fahrer zu bekommen, obwohl Douala nicht
zur frankophonen Zone von Kamerun gehört. Wir lassen
uns ca. 40 Minuten kreuz und quer durch die Stadt chauffieren
und steigen bei der Kathedrale in der Rue Joss aus. Unmittelbar
daneben ist eine Grundschule, ca. 400 Kinder haben gerade
Hofpause. Ich lege einen neuen Film in meine Kamera ein. Wo
ist Michael? Ich schaue mich suchend auf dem Schulhof um.
In einer großen Gruppe von Kindern finde ich ihn schließlich.
Er wollte eigentlich nur 3 Kinder fotografieren, die er vorher
gefragt hatte. In ein paar Sekunden waren es ca. 40 Kinder,
die mit auf das Foto wollten! Mir ergeht es ähnlich,
ich frage ein kleines Mädchen, ob ich ein Porträtfoto
machen darf. Schwups wird die kleine von ein paar größeren
Jungs verdrängt. Ich hole sie wieder in die erste Reihe
und mache ein Foto.
Den Kindern als kleines Dankeschön (kein Geld) etwas
zu geben ist aussichtslos, da dann der gesamte Schulhof auch
etwas haben möchte. Also bedanken wir uns nur und "flüchten"
in die nahe Kathedrale, wo gerade ein kleiner Gottesdienst
stattfindet. Von einer Bankreihe nebenan kommt ein junger
Mann auf uns zu, begrüßt uns höflich in Englisch
mit Handschlag und entfernt sich wieder.
Aus der Kirche
kommend überqueren wir die Straße, um auf den gegenüberliegenden
alten Friedhof zu gelangen.
Wir suchen nach alten deutschen Gräbern aus der Kolonialzeit.
Ein paar Gräber finden wir tatsächlich, einige Inschriften
sind auch noch lesbar. Wie zu erwarten, sind diese Menschen
meist jung gestorben (Krankheiten, Aufstände etc.). Die
Küste mit ihren Mangrovensümpfen und dem feuchtheißen
Klima nannten die Einheimischen nicht umsonst "White
man's grave". Die neueren Gräber sind meist komplett
gefliest und mit einem Bildnis des Verstorbenen versehen.
Ganz hinten rechts, wo in einer kleinen Senke die Slums
anfangen und der Friedhof überwuchert ist, haben wir
noch ein schönes Grabdenkmal eines deutschen Adeligen
gefunden. Vor dem Friedhof werden wir von einem jungen Mann
angesprochen. Er sei politischer Flüchtling aus Sierra
Leone, hat hier keine Freunde, keine Familie und bittet um
Unterstützung. Moment mal! Das war doch derselbe Mensch,
der uns zuvor in der Kirche per Handschlag begrüßt
hat. Das sieht ganz nach einer Routinegeschichte aus, wir
lehnen ab.
Wir fahren in
die Seemannsmission zurück und gehen im kleinen Pool
schwimmen, wer weiß, wann wir wieder mal dazu kommen
in den nächsten 3 Wochen. ;)) Nachmittags ziehen wir
wieder zu Fuß durch die Stadt. Schließlich braucht
der "weiße Mann" Mineralwasser zum Zähneputzen,
da man über Herkunft und Zusammensetzung des Leitungswassers
nicht allzu viel weiß. ;)) Nach einigem Suchen finden
wir einen kleinen Lebensmittelladen. Auf dem Rückweg
kommen wir an einem schwerbewachten Laden (4 Uniformierte,
2 davon mit Maschinenpistolen) vorbei. Es ist ein Konditorladen
mit wirklich schönem Backwerk und ein paar anderen Lebensmitteln.
Wer mag hier wohl ungebeten naschen? Bewacht wird in Douala
eigentlich fast alles. Die Banken sowieso, aber auch oft für
uns einfache Läden wie eben dieser große Bäckerladen.
Vermutlich gibt es allein in Douala eine ganze Armee von Wachleuten,
oft sind es tatsächlich auch Soldaten, die vor den Geschäften
sitzen.
In der Mission
bezahlen wir das Zimmer. Wir hatten zuvor per Mail das Zimmer
von Deutschland aus reserviert und angefragt, ob wir unsere
Winterjacken für die 3 Wochen in der Mission deponieren
können. Als Gegenleistung haben wir eine Tüte voll
mit aktuellen Zeitungen (vom Flughafen und zuhause) mitgebracht.
Beides und unsere Flugtickets übergeben wir Katharina,
einer freundlichen farbigen Angestellten, die sehr gut Deutsch
spricht. Sie ist auch so nett, die Formalitäten für
den Rückflug (Bestätigung) bei der SwissAir für
uns zu erledigen. Für den letzten Tag vor dem Abflug
reservieren wir ein Zimmer. Wir unterhalten uns noch mit Herrn
Posselt. Er leitet mit seiner Frau seit einem Jahr die Mission.
Vorher war er fünf Jahre in der Deutschen Seemannsmission
in Indonesien beschäftigt. Seit 1968 ist er weltweit
für dieselbe tätig. Wer mehr über die Arbeit
der Seemannsmission erfahren will, der möge hier
klicken. Abends leisten wir uns noch Brochettes und Cola.
Für 20 Minuten treten ein paar Trommler auf, kassieren
Geld und verschwinden wieder. Wir gehen auf unser Zimmer,
morgen wollen wir nach Yaoundé, der Hauptstadt des
Landes.
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