Reisetage   
01 02   03   04   05   06   07   08   09   10   11   12   13   14   15   16   17   18   19   20   21   22   Map
 
     
 
4. Tag, Sonntag, 20.01.2002 Yaoundé - Transcamerounais Eisenbahn - Ngaoundéré

Nach dem Aufstehen geben wir das Gepäck in der Rezeption ab. Das Gartenrestaurant nebenan hat nicht geöffnet. Wir gehen ins Stadtzentrum. In einer Seitenstraße finden wir das Royal Hotel. Hier nehmen wir unser Frühstück ein, danach steuern wir erneut den Bahnhof von Yaounde an, zu Fuß, etwa 3 Kilometer - Hügel hinunter, herauf, hinunter. Yaounde ist über mehrere Hügel und Senken verteilt, das Klima ist jedoch angenehmer als im feuchtheißen Douala. Auf den Anhöhen liegen die Villenviertel, Behörden, Botschaften und Banken, die man natürlich nicht fotografieren darf. Das "wichtigste" Gebäude ist der Präsidentenpalast, der auf einem Hügel am Rande der Stadt thront, ein futuristischer Protzbau, umgeben von Militärkasernen. In den Tälern und an den Hängen kleben entlang von staubigen Lehmstraßen die Wellblechhütten der Armen, ohne Kanalisation und Wasserleitung. Menschen aus ganz Kamerun werden magisch von dieser Stadt angezogen. Sei es, um einen Job zu bekommen oder den vermeintlich schnellen CFA zu machen. Die Kontraste zwischen arm und reich sind hier sehr extrem.

Gegen 9 Uhr sollte der Schalter öffnen. Wir sind etwa 9:15 Uhr da und der Warteraum vor dem Schalter ist bereits voll. Ein Angestellter weist uns das Ende einer der drei Sitzreihen zu. Alle Sitzenden rücken im ZickZack der Reihen auf, wenn eine Person am Schalter Fahrscheine gekauft hat. Diese Art von Ordnung würde eher nach Deutschland passen, ungewöhnlich für Afrika. Ich setze mich also hin, um alle 2 Minuten wieder aufzustehen und einen Sitz weiterzurücken. Zeit für Tagebuch schreiben und die anderen Wartenden zu mustern. Meist sind es Männer, Moslems aus dem Norden, sie haben lange BouBous an, aber auch Frauen mit kleinen Kindern sehe ich und Herren in feinen Anzügen. Unten im Schalterraum der 2. Klasse geht es weniger geordnet zu. Wären es nur 5-6 Stunden Fahrt, wäre ich ja gern in der 2.Klasse mitgefahren, aber ich muss an meinen leicht lädierten Rücken denken und will unseren Trip nicht mit einem Hexenschuss oder Ähnlichem gefährden. Michael sieht das ein und wir bekommen tatsächlich noch eines der 2er-Schlafwagenabteile, die gestern ausverkauft waren. Es gibt auch die Möglichkeit, in einem 4er-Abteil zu reisen. Die 1. Klasse bietet mehr Beinfreiheit und einen Klapptisch (wie im Flieger). In der 2. Klasse ist es eng wie in einem Buschtaxi, da dort neben dem Gepäck noch diverse Einkäufe und Handelswaren der Fahrgäste mit müssen.

Wir wollen noch einmal in das Zentrum von Yaounde und fahren mit dem Taxi dorthin. Ich telefoniere kurz nachhause, ein Angestellter in einer der zahlreichen "Telephon-Boutiquen" ist nicht in der Lage, mir den CFA-Preis pro Minute zu nennen. Normalerweise liegt der bei einem Gespräch nach Deutschland bei 2500 CFA/Minute. Hier lag er wohl etwas höher, ich habe fast 10 Euro für 4 Minuten bezahlt! Ok, werde ich nicht wieder machen. Email ist das bessere Medium, aber eben nur in größeren Städten verfügbar. Im Herz der Stadt, in der Nähe der Kathedrale Notre Dame (klingt alt, ist aber ein moderner Neubau) schauen wir uns noch ein wenig um. Hier gibt es sogar einen größeren Supermarkt und einige Geschäfte. Wir laufen über eine bisher noch nicht zu Fuß erforschte Straße wieder einen Hügel aufwärts. Hier passiert mir ein kleines Malheur. Ich fotografiere die Straße. Rechts stehen ein paar einzelne Händlerbuden, vor denen sich etwa 10 junge Männer aufhalten. Plötzlich kommen einige davon lautstark und mit drohenden Gesichtern auf mich zu. Ich habe die Wahl zwischen Film abgeben, Geld bezahlen oder Prügel. Ich gehe langsam an ihnen vorbei, beachte sie nicht. Ich dachte, Michael ist direkt hinter mir, als ich mich aber umdrehe, steht er bei den Jungs herum, diskutiert. Schließlich fotografiert er noch zwei von denen! Er sagt mir, dass er meinen "Fehler" wieder gerade gebogen hat. Und dabei wollte ich lediglich eine Straße fotografieren, alle Personen waren mindestens 20-30 Meter entfernt. Ich hatte nie vor, direkt auf eine Person draufzuhalten, ohne diese um Einverständnis zu fragen. Diesen Fehler macht wahrscheinlich jeder einmal hier in Afrika. Wir laufen den Hügel hoch, an zahlreichen Straßenmärkten vorbei und kommen über einen Umweg wieder in die Nähe unseres Hotels. Da der Zug erst nachmittags fährt, laufen wir noch ein wenig im Schatten der Bäume in Richtung des von den Chinesen erbauten Kulturpalastes. Das war eine gute Entscheidung! Hinter dem Kulturpalast, auf einem großen Platz, sehen wir Hunderte von Leuten in traditionellen Gewändern. Vielen Frauen haben die gleichen Kleider an, die Männer meist lange Boubous und einige gute Business-Anzüge. Was ist denn hier los? Mit Tourismus kann es ja wohl nichts zu tun haben, denn der ist in Kamerun fast nicht existent.

Wir sind erst mal überwältigt von der Farbenpracht dieser festlich angezogenen Menschen und den Gesängen und Tänzen, die an verschiedenen Stellen aufgeführt werden. Der Kongresspalast selbst wird nicht genutzt. Wir lernen Francis kennen, einen Fotografen aus Yaounde. Er erzählt uns, dass hier der Empfang eines Königs der Bamileke aus Bansoa stattfindet. Dieser besucht einmal im Jahr die Leute seines Stammes, die in der Hauptstadt und Umgebung leben. Dies hier ist also der festliche Empfang für ihn. Und was für einer! Wahnsinn! Weit und breit nur Bamileke-Leute und wir wieder die einzigen zwei Weißen around here! Die Menschen hier sind alle meist nett und freundlich, wir werden in unseren Bermuda-Shorts toleriert, können uns frei bewegen. Wir fragen ein paar Tänzer, ob wir ein Foto schießen können. Die willigen freudig ein, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen. Ich frage Francis, ob ich auch von größeren Menschengruppen ein Foto machen kann. Er meint, dass dies kein Problem sei. Eine tolle Atmosphäre. Das lässt hoffen auf die kleineren Städte im Norden und die Sultanate im Westen. Die Leute in den zwei Großstädten sind bisher nicht sonderlich freundlich gewesen und in's Gespräch sind wir bislang auch noch nicht so recht gekommen.

Da es sehr heiß ist, suchen wir nach kalten Getränken. In einer abseits stehenden kleinen Halle werden die Leute verpflegt. Wir gehen vorbei an Sicherheitsbeamten und werden in der kleinen Halle ein wenig gemustert, kämpfen uns an die Bar durch. Ich frage, ob wir 2 Cola bekommen können. Ein Security-Mensch besorgt uns diese. Mein Geld soll ich stecken lassen, sagt er lächelnd, das bezahlt der König. Wow! Meine erstes spendiertes Getränk in Afrika! Sonst wollten die Leute bisher nur etwas von mir. Man muss sich das mal anders herum vorstellen: 2 Schwarze in einfachen Klamotten besuchen in Deutschland einen Staatsempfang und die Security-Popeye's (meist muskelbepackte Dumpfbacken) besorgen denen etwas zu trinken! Kaum vorstellbar. Nach der Erfrischung treffe ich einen der Tänzer, die ich vorhin fotografiert habe, wieder. Grinsend meint er, wahrscheinlich mehr im Scherz, dass ich ihm doch eigentlich eine Schachtel Zigaretten von einem herumziehenden Händler nebenan kaufen könnte. Da ich ihn freundlich und witzig finde, mach ich das doch glatt! Damit er die Zigaretten auch anständig anzünden kann, will ich ihm noch eines meiner Feuerzeuge schenken, die ich u.a. als kleines Gastgeschenk mitgebracht habe. Ich kann es im vollgestopften Daypack nicht finden. Michael gibt sein Ersatzfeuerzeug her. Man, freut sich der Bamileke-Mensch! Er bedankt sich in einem Redeschwall mehr als 20 Mal, zeigt die beiden Sachen den Umstehenden grinsend und zündet sich eine der Zigaretten an. Nebenan tanzen im Bastrock ein paar Bafa (Stamm aus dem Nordwesten) zur Unterhaltung der Umstehenden. Ich frage Francis, ob ein Foto ok wäre und knipse es. Nach einiger Zeit kommt eine ältere korpulente Frau auf mich zu und sagt freundlich einige Sätze in ihrer Stammessprache. Francis übersetzt ins Englische: Sie meint, dass ich den Tänzern etwas geben soll, wenn ich schon zuschaue und fotografiere. Na das mach ich doch gern, zumal es freundlich vorgetragen wurde und völlig ok ist. Ich lege einen 500er in die Bastschale. Die Tänzer bedanken sich.

Mehrere Würdenträger gehen mittlerweile durch das von den Frauen in gleicher Tracht gebildete Spalier entlang und werden klatschend empfangen. Ich frage Francis jedes Mal, ob das der König ist und er verneint. Schließlich gegen 14 Uhr kommt eine offene Kutsche (Fiaker-ähnlich) mit einem Pferd. Das ist er! Die Frauen fangen an zu singen, es wird geklatscht. Im Wagen sitzen 3 ältere Herren in prächtig bestickten Gewändern: Ein Albino, ein Schwarzer und ein Weißer. Francis sagt, der Albino sei ein Dorf-Chief und der Schwarze sei der König. Wer der alte weiße Herr ist, habe ich nicht herausbekommen. Vielleicht der Bischof von Yaounde? Albinos sieht man in Kamerun öfters. Sie haben die Gesichtsform eines Afrikaners, sind aber käseweiß wie ich und meist mit blonden Haaren. Eine Laune der Natur. Je nach Land und Volk werden dies Albinos als etwas Besonderes oder Krankes angesehen. Hier hat es einer sogar bis zum Chief gebracht.

In der Festhalle besorgt uns der freundliche Security-Mensch noch Orangensäfte. Dann gehen wir zusammen mit Francis über den menschenleeren großen Platz vor dem Kongress-Center in Richtung unseres Hotels. Francis erklärt uns noch ein Denkmal, dass in einem kleinen als Garten angelegten Kreisverkehr steht. Auf 4 Seiten des Denkmals werden die wichtigsten Völker Kameruns in einem Relief dargestellt. Er sagt, das er und andere Fotografen hier immer sitzen und jeder in der Stadt, der einen Fotograf braucht, komme meist hierher. Wir schauen uns um und sehen auf der kleinen Wiese tatsächlich ein paar junge Männer mit Fotoapparaten herumliegen. Wir laden Francis noch auf eine Cola ins "Le Terrasse" ein. Wir unterhalten uns über Kamerun und Deutschland und tauschen eMail-Adressen aus.

Gegen 16 Uhr holen wir unsere Rucksäcke aus dem Hotel und marschieren die ca. 3 Kilometer zum Bahnhof mit vollem Marschgepäck bei beträchtlicher Hitze. Es hupen zwar ständig Taxis, aber ich will einmal testen, wie das so ist. Besonders fit bin ich ja nicht, aber die paar Kilometer sind ok, machen mir nichts aus, Michael sowieso nicht. Unterwegs decken wir uns mit Mineralwasser und Fruchtsäften bei der Tankstelle von heute morgen ein. Der junge Tankwart ist immer noch da, sein Deutsch ist irgendwie niedlich. Gegen 17 Uhr checken wir in unser Schlafwagenabteil (Wagon 572, Chambre B) ein. Es ist natürlich ein wenig heruntergekommen, aber sauber und hat ein eigenes kleines Waschbecken. Der Ventilator geht leider nicht, die kleineren Lampen auch nicht. Aber da es nachts kühl ist, stört uns das nicht weiter und Taschenlampen haben wir auch. In den Abteilen links und rechts unserer Kabine lassen sich einige Moslems mit schönen weißen Boubous und Schwertern nieder. Pünktlich 18:10 Uhr fährt der Zug los. Wieder geht es an kilometerlangen Slums vorbei. Die Sicht aus dem Zug gewährt Einblick in das innere der Wellblechhütten, Bretterbuden. Bedrückende Armut, viele Kinder stehen an den Schienen und winken, lachen. Ich sehe eine Bretterbude, in der viele Menschen auf Kisten sitzen vor dem wahrscheinlich einzigen Fernseher weit und breit. Kino in Afrika. Ein kleiner Junge steht abseits allein und statt wie die anderen Kindern scherzend und schreiend zu winken (Der Personenzug scheint die Abwechslung des Tages hier zu sein. ), steckt er plötzlich die kleine Zunge heraus. Damit hat er sofort meine ganze Symphatie, da ich in seiner Situation dasselbe gemacht hätte.

Gegen 18:30 Uhr klopft es an der Tür, eine junge hübsche Dame fragt, ob wir das Abendessen auf die Kabine haben oder im Speisewagen essen wollen. Wir bestellen Curry-Chicken mit Reis und Ananas. Nebenan unterhalten sich die Moslems lautstark, ein Radio wird angemacht, Stimmen in fremden Sprachen auf dem Gang, es ist eine interessante Atmosphäre, so ganz anders als im aseptisch reinen HighTech-ICE. ;) Nach einer Stunde stoppen wir das erste Mal, es ist schon dunkel. Wir warten offenbar auf einen Gegenzug. Und dann kommt er - mit Hunderten von Schafen und Zeburindern beladen! Auf den nach oben offenen Viehwagons sitzen Hirten mit Taschenlampen. Sieht schon ein wenig abenteuerlich aus, zumal der Zug ziemlich schnell an uns vorbeifährt. Die Transcamerounais Eisenbahn ist die einzige Transportmöglichkeit von Waren aus und in den Norden, der Personenzug fährt nur einmal am Tag. Gegen 19 Uhr kommt das Essen auf großen Tabletts, ist reichlich und schmeckt lecker. 2000 CFA dafür sind voll in Ordnung. Dann hält der Zug das erste Mal auf einem kleinen Bahnhof. Draußen im Schein der Taschenlampen werden über offenem Feuer Mahlzeiten für die Passagiere gekocht, lautstark Getränke, Früchte, Brot und vieles mehr vor den Fenstern der Wagons angeboten.

Nach dem Essen unternehme ich eine Exkursion durch den Zug. In der 2. Klasse ist es wie befürchtet sehr eng, die 1. Klasse hat zwar mehr Platz, aber so richtig einschlafen können die Leute da auch nicht, zumal der Wagon durch mehrere Neonröhren hell erleuchtet ist. Die Übergänge zwischen den Wagons sind seitlich offen und nicht stolperfrei, man sollte da schon ein wenig aufpassen. Ein solcher Übergang war überhaupt nicht beleuchtet und danach kam unmittelbar ein Güterwagon mit Presspappe. Hätte ich meine Stirnlampe nicht aufgehabt, wäre ich auf die Schienen gefallen. Gegen 22 Uhr versuchen wir zu schlafen. Angeblich soll man die Fenster zulassen, da nachts eingestiegen wird, aber was soll's, das Fenster geht ohnehin nur zur Hälfte auf und ein wenig Frischluft muss sein, da es sonst zu stickig wird. Draußen sind immer wieder Stimmen zu hören, wenn der Zug hält. Je nördlicher wir kommen, desto schlechter scheint die Strecke zu werden. Der Zug hat einige vom Schienenzustand verursachte Turbulenzen, wird kräftig durchgerüttelt, die Halteseile oben an meinem Bett sind also nicht umsonst. Irgendwie gelingt es doch einzuschlafen....

 
     
 
   Reisetage   
01 02   03   04   05   06   07   08   09   10   11   12   13   14   15   16   17   18   19   20   21   22   Map
 
     
  UPDOWN  
     
     
    DISCLAIMER      MALI        GHANA                                                         COPYRIGHT    
FOOTER