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Nach dem Aufstehen geben wir das Gepäck in der Rezeption
ab. Das Gartenrestaurant nebenan hat nicht geöffnet.
Wir gehen ins Stadtzentrum. In einer Seitenstraße finden
wir das Royal Hotel. Hier nehmen wir unser Frühstück
ein, danach steuern wir erneut den Bahnhof von Yaounde an,
zu Fuß, etwa 3 Kilometer - Hügel hinunter, herauf,
hinunter. Yaounde ist über mehrere Hügel und Senken
verteilt, das Klima ist jedoch angenehmer als im feuchtheißen
Douala. Auf den Anhöhen liegen die Villenviertel, Behörden,
Botschaften und Banken, die man natürlich nicht fotografieren
darf. Das "wichtigste" Gebäude ist der Präsidentenpalast,
der auf einem Hügel am Rande der Stadt thront, ein futuristischer
Protzbau, umgeben von Militärkasernen. In den Tälern
und an den Hängen kleben entlang von staubigen Lehmstraßen
die Wellblechhütten der Armen, ohne Kanalisation und
Wasserleitung. Menschen aus ganz Kamerun werden magisch von
dieser Stadt angezogen. Sei es, um einen Job zu bekommen oder
den vermeintlich schnellen CFA zu machen. Die Kontraste zwischen
arm und reich sind hier sehr extrem.
Gegen 9 Uhr sollte der Schalter öffnen. Wir sind etwa
9:15 Uhr da und der Warteraum vor dem Schalter ist bereits
voll. Ein Angestellter weist uns das Ende einer der drei Sitzreihen
zu. Alle Sitzenden rücken im ZickZack der Reihen auf,
wenn eine Person am Schalter Fahrscheine gekauft hat. Diese
Art von Ordnung würde eher nach Deutschland passen, ungewöhnlich
für Afrika. Ich setze mich also hin, um alle 2 Minuten
wieder aufzustehen und einen Sitz weiterzurücken. Zeit
für Tagebuch schreiben und die anderen Wartenden zu mustern.
Meist sind es Männer, Moslems aus dem Norden, sie haben
lange BouBous an, aber auch Frauen mit kleinen Kindern sehe
ich und Herren in feinen Anzügen. Unten im Schalterraum
der 2. Klasse geht es weniger geordnet zu. Wären es nur
5-6 Stunden Fahrt, wäre ich ja gern in der 2.Klasse mitgefahren,
aber ich muss an meinen leicht lädierten Rücken
denken und will unseren Trip nicht mit einem Hexenschuss oder
Ähnlichem gefährden. Michael sieht das ein und wir
bekommen tatsächlich noch eines der 2er-Schlafwagenabteile,
die gestern ausverkauft waren. Es gibt auch die Möglichkeit,
in einem 4er-Abteil zu reisen. Die 1. Klasse bietet mehr Beinfreiheit
und einen Klapptisch (wie im Flieger). In der 2. Klasse ist
es eng wie in einem Buschtaxi, da dort neben dem Gepäck
noch diverse Einkäufe und Handelswaren der Fahrgäste
mit müssen.
Wir wollen noch einmal in das Zentrum von Yaounde und fahren
mit dem Taxi dorthin. Ich telefoniere kurz nachhause, ein
Angestellter in einer der zahlreichen "Telephon-Boutiquen"
ist nicht in der Lage, mir den CFA-Preis pro Minute zu nennen.
Normalerweise liegt der bei einem Gespräch nach Deutschland
bei 2500 CFA/Minute. Hier lag er wohl etwas höher, ich
habe fast 10 Euro für 4 Minuten bezahlt! Ok, werde ich
nicht wieder machen. Email ist das bessere Medium, aber eben
nur in größeren Städten verfügbar. Im
Herz der Stadt, in der Nähe der Kathedrale
Notre Dame (klingt alt, ist aber ein moderner Neubau)
schauen wir uns noch ein wenig um. Hier gibt es sogar einen
größeren Supermarkt und einige Geschäfte.
Wir laufen über eine bisher noch nicht zu Fuß erforschte
Straße wieder einen Hügel aufwärts. Hier passiert
mir ein kleines Malheur. Ich fotografiere die Straße.
Rechts stehen ein paar einzelne Händlerbuden, vor denen
sich etwa 10 junge Männer aufhalten. Plötzlich kommen
einige davon lautstark und mit drohenden Gesichtern auf mich
zu. Ich habe die Wahl zwischen Film abgeben, Geld bezahlen
oder Prügel. Ich gehe langsam an ihnen vorbei, beachte
sie nicht. Ich dachte, Michael ist direkt hinter mir, als
ich mich aber umdrehe, steht er bei den Jungs herum, diskutiert.
Schließlich fotografiert er noch zwei von denen! Er
sagt mir, dass er meinen "Fehler" wieder gerade
gebogen hat. Und dabei wollte ich lediglich eine Straße
fotografieren, alle Personen waren mindestens 20-30 Meter
entfernt. Ich hatte nie vor, direkt auf eine Person draufzuhalten,
ohne diese um Einverständnis zu fragen. Diesen Fehler
macht wahrscheinlich jeder einmal hier in Afrika. Wir laufen
den Hügel hoch, an zahlreichen Straßenmärkten
vorbei und kommen über einen Umweg wieder in die Nähe
unseres Hotels. Da der Zug erst nachmittags fährt, laufen
wir noch ein wenig im Schatten der Bäume in Richtung
des von den Chinesen erbauten Kulturpalastes. Das war eine
gute Entscheidung! Hinter dem Kulturpalast, auf einem großen
Platz, sehen wir Hunderte von Leuten in traditionellen Gewändern.
Vielen Frauen haben die gleichen Kleider an, die Männer
meist lange Boubous und einige gute Business-Anzüge.
Was ist denn hier los? Mit Tourismus kann es ja wohl nichts
zu tun haben, denn der ist in Kamerun fast nicht existent.
Wir sind erst mal überwältigt von der Farbenpracht
dieser festlich angezogenen Menschen und den Gesängen
und Tänzen, die an verschiedenen Stellen aufgeführt
werden. Der Kongresspalast selbst wird nicht genutzt. Wir
lernen Francis kennen, einen Fotografen aus Yaounde. Er erzählt
uns, dass hier der Empfang eines Königs der Bamileke
aus Bansoa stattfindet. Dieser besucht einmal im Jahr die
Leute seines Stammes, die in der Hauptstadt und Umgebung leben.
Dies hier ist also der festliche Empfang für ihn. Und
was für einer! Wahnsinn! Weit und breit nur Bamileke-Leute
und wir wieder die einzigen zwei Weißen around here!
Die Menschen hier sind alle meist nett und freundlich, wir
werden in unseren Bermuda-Shorts toleriert, können uns
frei bewegen. Wir fragen ein paar Tänzer,
ob wir ein Foto schießen können. Die willigen freudig
ein, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen. Ich frage Francis,
ob ich auch von größeren Menschengruppen ein Foto
machen kann. Er meint, dass dies kein Problem sei. Eine tolle
Atmosphäre. Das lässt hoffen auf die kleineren Städte
im Norden und die Sultanate im Westen. Die Leute in den zwei
Großstädten sind bisher nicht sonderlich freundlich
gewesen und in's Gespräch sind wir bislang auch noch
nicht so recht gekommen.
Da es sehr heiß ist, suchen wir nach kalten Getränken.
In einer abseits stehenden kleinen Halle werden die Leute
verpflegt. Wir gehen vorbei an Sicherheitsbeamten und werden
in der kleinen Halle ein wenig gemustert, kämpfen uns
an die Bar durch. Ich frage, ob wir 2 Cola bekommen können.
Ein Security-Mensch besorgt uns diese. Mein Geld soll ich
stecken lassen, sagt er lächelnd, das bezahlt der König.
Wow! Meine erstes spendiertes Getränk in Afrika! Sonst
wollten die Leute bisher nur etwas von mir. Man muss sich
das mal anders herum vorstellen: 2 Schwarze in einfachen Klamotten
besuchen in Deutschland einen Staatsempfang und die Security-Popeye's
(meist muskelbepackte Dumpfbacken) besorgen denen etwas zu
trinken! Kaum vorstellbar. Nach der Erfrischung treffe ich
einen der Tänzer, die ich vorhin fotografiert habe, wieder.
Grinsend meint er, wahrscheinlich mehr im Scherz, dass ich
ihm doch eigentlich eine Schachtel Zigaretten von einem herumziehenden
Händler nebenan kaufen könnte. Da ich ihn freundlich
und witzig finde, mach ich das doch glatt! Damit er die Zigaretten
auch anständig anzünden kann, will ich ihm noch
eines meiner Feuerzeuge schenken, die ich u.a. als kleines
Gastgeschenk mitgebracht habe. Ich kann es im vollgestopften
Daypack nicht finden. Michael gibt sein Ersatzfeuerzeug her.
Man, freut sich der Bamileke-Mensch! Er bedankt sich in einem
Redeschwall mehr als 20 Mal, zeigt die beiden Sachen den Umstehenden
grinsend und zündet sich eine der Zigaretten an. Nebenan
tanzen im Bastrock ein paar Bafa (Stamm aus dem Nordwesten)
zur Unterhaltung der Umstehenden. Ich frage Francis, ob ein
Foto ok wäre und knipse es. Nach einiger Zeit kommt eine
ältere korpulente Frau auf mich zu und sagt freundlich
einige Sätze in ihrer Stammessprache. Francis übersetzt
ins Englische: Sie meint, dass ich den Tänzern
etwas geben soll, wenn ich schon zuschaue und fotografiere.
Na das mach ich doch gern, zumal es freundlich vorgetragen
wurde und völlig ok ist. Ich lege einen 500er in die
Bastschale. Die Tänzer bedanken sich.
Mehrere Würdenträger gehen mittlerweile durch das
von den Frauen in gleicher Tracht gebildete Spalier entlang
und werden klatschend empfangen. Ich frage Francis jedes Mal,
ob das der König ist und er verneint. Schließlich
gegen 14 Uhr kommt eine offene Kutsche (Fiaker-ähnlich)
mit einem Pferd. Das ist er! Die Frauen fangen an zu singen,
es wird geklatscht. Im Wagen sitzen 3 ältere Herren in
prächtig bestickten Gewändern: Ein Albino, ein Schwarzer
und ein Weißer. Francis sagt, der Albino sei ein Dorf-Chief
und der Schwarze sei der König. Wer der alte weiße
Herr ist, habe ich nicht herausbekommen. Vielleicht der Bischof
von Yaounde? Albinos sieht man in Kamerun öfters. Sie
haben die Gesichtsform eines Afrikaners, sind aber käseweiß
wie ich und meist mit blonden Haaren. Eine Laune der Natur.
Je nach Land und Volk werden dies Albinos als etwas Besonderes
oder Krankes angesehen. Hier hat es einer sogar bis zum Chief
gebracht.
In der Festhalle besorgt uns der freundliche Security-Mensch
noch Orangensäfte. Dann gehen wir zusammen mit Francis
über den menschenleeren großen Platz vor dem Kongress-Center
in Richtung unseres Hotels. Francis erklärt uns noch
ein Denkmal, dass in einem kleinen als Garten angelegten Kreisverkehr
steht. Auf 4 Seiten des Denkmals werden die wichtigsten Völker
Kameruns in einem Relief dargestellt. Er sagt, das er und
andere Fotografen hier immer sitzen und jeder in der Stadt,
der einen Fotograf braucht, komme meist hierher. Wir schauen
uns um und sehen auf der kleinen Wiese tatsächlich ein
paar junge Männer mit Fotoapparaten herumliegen. Wir
laden Francis noch auf eine Cola ins "Le Terrasse"
ein. Wir unterhalten uns über Kamerun und Deutschland
und tauschen eMail-Adressen aus.
Gegen 16 Uhr holen wir unsere Rucksäcke aus dem Hotel
und marschieren die ca. 3 Kilometer zum Bahnhof mit vollem
Marschgepäck bei beträchtlicher Hitze. Es hupen
zwar ständig Taxis, aber ich will einmal testen, wie
das so ist. Besonders fit bin ich ja nicht, aber die paar
Kilometer sind ok, machen mir nichts aus, Michael sowieso
nicht. Unterwegs decken wir uns mit Mineralwasser und Fruchtsäften
bei der Tankstelle von heute morgen ein. Der junge Tankwart
ist immer noch da, sein Deutsch ist irgendwie niedlich. Gegen
17 Uhr checken wir in unser Schlafwagenabteil (Wagon 572,
Chambre B) ein. Es ist natürlich ein wenig heruntergekommen,
aber sauber und hat ein eigenes kleines Waschbecken. Der Ventilator
geht leider nicht, die kleineren Lampen auch nicht. Aber da
es nachts kühl ist, stört uns das nicht weiter und
Taschenlampen haben wir auch. In den Abteilen links und rechts
unserer Kabine lassen sich einige Moslems mit schönen
weißen Boubous und Schwertern nieder. Pünktlich
18:10 Uhr fährt der Zug los. Wieder geht es an kilometerlangen
Slums vorbei. Die Sicht aus dem Zug gewährt Einblick
in das innere der Wellblechhütten, Bretterbuden. Bedrückende
Armut, viele Kinder stehen an den Schienen und winken, lachen.
Ich sehe eine Bretterbude, in der viele Menschen auf Kisten
sitzen vor dem wahrscheinlich einzigen Fernseher weit und
breit. Kino in Afrika. Ein kleiner Junge steht abseits allein
und statt wie die anderen Kindern scherzend und schreiend
zu winken (Der Personenzug scheint die Abwechslung des Tages
hier zu sein. ), steckt er plötzlich die kleine Zunge
heraus. Damit hat er sofort meine ganze Symphatie, da ich
in seiner Situation dasselbe gemacht hätte.
Gegen 18:30 Uhr klopft es an der Tür, eine junge hübsche
Dame fragt, ob wir das Abendessen auf die Kabine haben oder
im Speisewagen essen wollen. Wir bestellen Curry-Chicken mit
Reis und Ananas. Nebenan unterhalten sich die Moslems lautstark,
ein Radio wird angemacht, Stimmen in fremden Sprachen auf
dem Gang, es ist eine interessante Atmosphäre, so ganz
anders als im aseptisch reinen HighTech-ICE. ;) Nach einer
Stunde stoppen wir das erste Mal, es ist schon dunkel. Wir
warten offenbar auf einen Gegenzug. Und dann kommt er - mit
Hunderten von Schafen und Zeburindern beladen! Auf den nach
oben offenen Viehwagons sitzen Hirten mit Taschenlampen. Sieht
schon ein wenig abenteuerlich aus, zumal der Zug ziemlich
schnell an uns vorbeifährt. Die Transcamerounais Eisenbahn
ist die einzige Transportmöglichkeit von Waren aus und
in den Norden, der Personenzug fährt nur einmal am Tag.
Gegen 19 Uhr kommt das Essen auf großen Tabletts, ist
reichlich und schmeckt lecker. 2000 CFA dafür sind voll
in Ordnung. Dann hält der Zug das erste Mal auf einem
kleinen Bahnhof. Draußen im Schein der Taschenlampen
werden über offenem Feuer Mahlzeiten für die Passagiere
gekocht, lautstark Getränke, Früchte, Brot und vieles
mehr vor den Fenstern der Wagons angeboten.
Nach dem Essen unternehme ich eine Exkursion durch den Zug.
In der 2. Klasse ist es wie befürchtet sehr eng, die
1. Klasse hat zwar mehr Platz, aber so richtig einschlafen
können die Leute da auch nicht, zumal der Wagon durch
mehrere Neonröhren hell erleuchtet ist. Die Übergänge
zwischen den Wagons sind seitlich offen und nicht stolperfrei,
man sollte da schon ein wenig aufpassen. Ein solcher Übergang
war überhaupt nicht beleuchtet und danach kam unmittelbar
ein Güterwagon mit Presspappe. Hätte ich meine Stirnlampe
nicht aufgehabt, wäre ich auf die Schienen gefallen.
Gegen 22 Uhr versuchen wir zu schlafen. Angeblich soll man
die Fenster zulassen, da nachts eingestiegen wird, aber was
soll's, das Fenster geht ohnehin nur zur Hälfte auf und
ein wenig Frischluft muss sein, da es sonst zu stickig wird.
Draußen sind immer wieder Stimmen zu hören, wenn
der Zug hält. Je nördlicher wir kommen, desto schlechter
scheint die Strecke zu werden. Der Zug hat einige vom Schienenzustand
verursachte Turbulenzen, wird kräftig durchgerüttelt,
die Halteseile oben an meinem Bett sind also nicht umsonst.
Irgendwie gelingt es doch einzuschlafen....
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