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8. Tag, Donnerstag, 24.01.2002 Rhumsiki

Wir stehen gegen 6:30 Uhr auf. Draußen ist es noch ziemlich kalt, die Dorfbewohner laufen z.T. in dicken Anoraks herum. Was für uns ein wenig frisch ist, muss den Einheimischen wie -10 °C vorkommen. Wir fragen Victor, warum an einer Tafel vor dem Gasthof 5000 CFA aufgeführt sind, obwohl wir 7000 CFA pro Nacht zahlen. Er meint lächelnd, dass dies der Preis für die einfachen Hütten sei. Der Unterschied liegt bei den WC's. Die einfachen Hütten haben das "afrikanische System" (Erdklo irgendwo auf dem Gelände) und unser Zimmer hat "europäisches System" (WC-Schüssel + Dusche). Ach so, alles klar, akzeptiert. Zum Frühstück gibt es Türkischkaffee, der ein wenig seltsam schmeckt, aber in rauen Mengen vorhanden ist, und Baghettes. Auch die Konfitüre ist nicht wie sonst limitiert und wurde von "Madame Yama", Victor's junger Frau, gemacht. Die Auberge de Kapsiki liegt gleich am Anfang des Dorfes, die andere mögliche Unterkunft, das Campement de Rhumsiki liegt vor dem Dorf und ist eingezäunt. Man hat dort zwar eine fantastische Aussicht auf die Berge und Vulkankegel, aber die Hütten sind sehr viel teurer als bei Victor und genauso einfach. Meine Empfehlung (gibt ja nur die 2 Unterkünfte) ist eindeutig unsere Herberge, wo man nicht so isoliert von den Dorfbewohnern wohnt.

Während des Frühstücks sehen wir durch eines der großen glasfreien Fenster unseren Guide Fama, der schon auf uns wartet. Wir ziehen zunächst durch das eigentliche Dorf, welches sich auf mehreren Hügeln verteilt. Wir kommen an den bereits oft gesehenen einfachen Lehmhütten mit Strohdach vorbei, vor denen Frauen Hirse stampfen. Es gibt hier auch einen kleinen Markt. Die aus unbearbeiteten Stämmen gebauten Stände stehen leer und verwaist in der Sonne. Nach einigen Gehöften wird der Weg schmaler, plötzlich stehen einige Kinder auf dem Weg und singen irgend ein kleines Lied in Marki, der Sprache der Kapsiki, in dem ich nur ein französisches Wort verstehe: Cadeaux. Alles klar, das machen sie wahrscheinlich immer, wenn Weiße ins Dorf kommen. Wir fragen Fama, ob wir ein Foto schießen können. Er meint, das wäre überhaupt kein Problem. Die Kinder schauen uns mit ihren großen Augen erwartungsvoll an. Da ich sofort alle meinen kleinen Geschenke losgeworden wäre, entscheide ich mich wieder für eine Runde Kaugummi. Das kommt immer gut. Fama übernimmt die gerechte Verteilung und jeder, der auf dem Foto war, bekommt was ab. Da auch ein paar kleinere Kinder darunter sind, bitte ich Fama, ihnen zu sagen, dass sie den Kaugummi nicht schlucken, sondern nach dem Kauen ausspucken sollen.

Er übersetzt in Marki, seiner sehr interessanten Sprache. Es ist überhaupt bewundernswert, was die Menschen hier alles für Sprachen drauf haben müssen: Ihre Stammessprache, Französisch und teilweise auch Englisch. Hinzu kommen noch andere Stammessprachen, falls sich jemand in einem anderen Landesteil, bei einer anderen Ethnie niederlässt (z.B. Heirat) und dort akzeptiert werden will. Meistens fungiert jedoch Französisch als Verständigungssprache zwischen den etwa 200 verschiedenen Volksgruppen, die sonst meist nicht miteinander kommunizieren könnten. In dieser Gegend gibt es neben den Kapsiki noch etwa 44 weitere Stämme, deren Rundhütten über die Hänge der Mandara-Berge verstreut sind. Es ist hier nicht unüblich, das im nächsten Dorf eine ganz andere Sprache gesprochen wird. Wir gehen weiter durch Rhumsiki, Fama kennt hier natürlich jeden und wechselt ab und an ein paar Worte mit einigen Dorfbewohnern. An einer Hütte bekommt er von einer Frau eine Schale mit einer weißen Flüssigkeit gereicht und trinkt. Auf die Frage, was das für ein Getränk sei, antwortet er: Bier. Genauer gesagt, es ist selbstgebrautes Hirsebier. Da wir eine anstrengende Wanderung vor uns haben, es immer heißer wird und wir nicht wissen, wie stark das Bier ist, lehnen wir höflich ab. Langsam werden es immer weniger Hütten und es geht leicht bergab. Plötzlich vor uns ein steiler Abhang, nur Geröll, kein erkennbarer Weg. "Da runter?", frage ich. Fama nickt. Etwas weiter entfernt können wir zwei Frauen erkennen, die jeweils mit einem großen Bündel gesammelten Feuerholzes auf dem Kopf den Hang hochklettern. Wir klettern in das Tal oder besser gesagt die Ebene hinunter. Die Berge auf der anderen Seite gehören wohl schon zu Nigeria. Unten angekommen wandern wir zwischen Geröll, abgebranntem Steppengras und verstaubten Gewächsen und Gestrüpp weiter. Gibt es hier Schlangen? Ich möchte endlich mal ein gefährliches Tier sehen! In der Ferne sieht man ein einsames Gehöft. Hier wohnen Animisten. Die Kapsiki haben es verstanden, sich den großen Religionen des Islam und des Christentums erfolgreich zu entziehen. Vor den islamischen Fulbe-Reitern des Nordens haben sie sich vor knapp 200 Jahren hier in der wilden Berglandschaft der Mandara-Berge verschanzt.

In dieser Ebene gibt es keine Straßen, erst recht keinen Strom oder Wasserleitungen. Am Gehöft sehen wir einen kleinen Jungen mit Hund, der uns ein wenig ungläubig anschaut, als wären wir Geister. Michael hat Probleme mit seiner Bronchitis, dem Schnupfen und der mittlerweile sengenden Hitze. Wir hätten in seinem Zustand die Tour nicht machen sollen, jetzt ist es jedoch zu spät. Wir machen eine kurze Rast. Wir haben dummerweise nur einen Liter Wasser mitgenommen. Ein weiterer Fehler. Hier unten gibt es nichts als Steppe und ab und an ein einzelnes Lehmhüttengehöft. Nach einer Anhöhe geht es wieder bergab zu einem vertrockneten Bachlauf, den wir überqueren, um auf der anderen Seite den nächsten Hügel zu erklimmen. Die Sonne brennt heiß. Die Sicht wird frei auf eine andere, noch größere Ebene, in der Ferne wieder ein Gehöft. Eine grandiose Kulisse mit den Vulkankegeln im Hintergrund!
Wir rasten wieder, Michael bekommt schlecht Luft, die Nase ist total verstopft. Plötzlich raschelt es im Gestrüpp. Ein kleines Mädchen kommt vorsichtig hervor und bleibt stehen. Ich bitte Fama, sie heranzuwinken. Ich schenke ihr einen meiner 5 Firmenstifte, die ich von unserer Sekretärin bekommen habe. Jetzt mache ich mal ordentlich und kostenlos Werbung für die Company hier am Ende der Welt! ;) Ein ERP-System werden wir aber sicher trotzdem nicht hier loswerden. ;) Michael schenkt ihr noch eine Creme und ein Shampoo. Ich bitte Fama, die Verwendung in Marki zu erklären. Wir haben Cremes, Shampoos (Probierpackungen), Feuerzeuge und Stifte aus Deutschland mitgebracht, da sie sinnvolle kleine Geschenke darstellen. Aber das reicht natürlich nicht für mehrere Kinder auf einmal, deshalb geben wir es lieber einem oder zwei Kindern, weil es sonst nur Streit und unzufriedene Gesichter geben würde. Wenig später kommen noch ein Junge und ein Mädchen, die große Schüsseln mit Wasser auf den kleinen Köpfen an uns vorbeitragen. Sie bekommen auch noch Cremes und Stifte. Das Leben hier unten muss ziemlich hart sein, besonders in der Trockenzeit, die wir gerade haben.

Das Wasser muss von weit her herangeschleppt werden, Straßen gibt es hier ja nicht. Die Kinder verschwinden in Richtung des Gehöftes, das wir vom letzten Hügel aus gesehen haben. Wir gehen in die gleiche Richtung. Unter einem großen Baum sitzt eine Familie. Zwei Frauen befreien einen Haufen Erdnüsse von ihren Schalen. Eine alte Frau (die Großmutter ?) liegt am Boden zusammengerollt und hält Mittagsschlaf. Wir begrüßen das Familienoberhaupt. Ich frage Fama, ob wir vom Gehöft ein paar Außenaufnahmen machen können. Wir laufen langsam um die Lehmmauer herum, treffen auf zwei Esel. Gern würde ich mal das Innere eines solchen Gehöftes sehen, aber wie würde ich es finden, wenn bei mir zuhause zwei schwarze Touristen mal sehen wollen, wie es im Haus aussieht? Von weitem ruft das Familienoberhaupt irgendwas, ich verstehe wieder mal nur "Cadeaux" und gebe mein vorletztes Feuerzeug dem kleinen Mädchen. Sie soll es dem Familien-Chief geben, da wir schon dabei sind, das Gehöft in der anderen Richtung zu verlassen. Der winkt und freut sich. Jetzt wird mit dem Feuerzeug vielleicht für einige Abende das Feuer in den Hütten angezündet. Wir laufen weiter durch die Ebene, die Sonne brennt unbarmherzig, es gibt nur wenig schattenspendende Bäume hier. In der Ferne sehen wir wieder mal ein Gehöft. Wir beschließen, hier wegen Michael ein wenig länger zu rasten. Wir setzen uns unter ein Strohdach. Hier sitzen einige Kinder und zwei Jugendliche, die eifrig an Holzfiguren schnitzen, die sie auf dem Markt oder in der Stadt verkaufen werden. Wir schauen eine Weile zu. Fama unterhält sich angeregt in Marki, zeigt uns ein halbfertiges Stück, das mal eine Gottheit der Kapsiki werden wird. Hier werden auch die für die Gegend typischen, sehr einfachen Musikinstrumente hergestellt. Ab und an kommen ein Huhn, eine Ziege oder ein kleiner Hund unter das Strohdach. Fama fragt, ob wir was kaufen wollen. Eigentlich wollen wir nichts kaufen, erst am letzten Tag in Douala, da wir sonst alles zwei Wochen lang mitschleppen müssen und in den Buschtaxis einiges davon zu Bruch gehen würde. Ich entscheide mich dennoch für eine kleine, sehr schöne Krokodilfigur. Ein älterer Schnitzer sagt, dass dieses Stück 5000 CFA kosten soll.

Ich versuche mich jetzt auch im Handeln und biete 2500. Er lacht und sagt 4500. Ich sage 3000, mein letztes Angebot. Er meint, das 4000 sein letztes Wort ist. Ok, ich stelle die Figur wieder hin und stehe auf, wir wollen weiterziehen. Der Schnitzer ist plötzlich mit den 3000 CFA und einem kleinen Souvenir einverstanden. Ich gebe ihm eine Ansichtskarte von Weimar, er ist zufrieden. Ich denke, wir haben beide ein gutes Geschäft gemacht. Das kleine Mädchen begleitet uns weiter. Ich biete ihr einen Kaugummi an und esse auch einen. Die Sonne wird sehr schnell wieder zum Problem. Nach einiger Zeit zeigt das kleine Mädchen in ihren geöffneten Mund. Fama sagt, sie habe Zahnschmerzen. Sie hat wahrscheinlich Zahnprobleme, die durch den süßen Kaugummi aktiviert wurden. Ich sage ihr, dass sie den Kaugummi ausspucken soll und mache es mit meinem vor. Sie versteht und tut es mir gleich. Ich hätte wohl besser Kaugummi ohne Zucker mitnehmen sollen. Das Mädchen kehrt um, wir verabschieden uns. Jetzt folgt ein steiler und beschwerlicher Aufstieg aus dem Tal. Mir geht nun auch langsam die ohnehin kaum vorhandene Kondition aus, aber noch ist es nicht weiter schwierig. Wasser haben wir auch kaum noch. Michael ärgert sich wieder über sich selbst, dass er sich mit seiner Bronchitis, die eigentlich Bettruhe erfordert, einer solchen Strapaze ausgesetzt hat. Ich gebe ihm meinen Taschenventilator, über den er Tage zuvor noch ein wenig lästerte: Was ich so alles mitschleppe! Eigentlich mehr als Gag gedacht ist der Mini-Ventilator eine nützliche Sache, besonders hier, wo die Luft steht und kein Schatten in Sicht ist. Am Hang sehen wir drei junge Frauen, die große Bündel mit Brennholz auf dem Kopf balancierend den Berg hochschleppen. Der Weg wird zwischen Geröll und einigen Felsen immer steiler. In der Ferne sehe ich den großen Berg, zu dessen Füßen Rhumsiki liegen muss.

Wir rasten jetzt bei jedem Felsen, der ein wenig Schatten wirft, da Michael kaum noch Luft bekommt. Endlich haben wir es geschafft, die ersten Hütten von Rhumsiki sind in Sicht. Auf der Dorfstraße treffen wir den Fahrer des Buschtaxis von gestern wieder. Er möchte wissen, ob die Tour schön war. Wir bejahen, machen aber durch Gesten deutlich, dass es sehr anstrengend war. Wir schleppen uns in den windigen Gastraum des La Casserole. Wir bestellen Erfrischungsgetränke und ein Bier für Fama - ein gnadenloses Cola-Massaker beginnt, am Ende stehen 5 Cola und eine große Limonade leer auf dem Tisch. Victor will noch wissen, ob wir bei ihm zu Abend essen, da er dann noch etwas vorbereiten muss. Wir verabreden uns mit Fama für 16 Uhr, dann wollen wir dem Witch Doctor des Dorfes einen Besuch abstatten. Michael unterhält sich noch ein wenig mit Victor, ich gehe auf das Zimmer und schreibe diese Zeilen, während Ziegen und ein Baby sich lautstark in der Nachbarschaft bemerkbar machen. Da unsere Unterwäsche nur für sieben Tage reicht (Gepäckeinsparung), müssen wir wohl oder übel dieselbe mal waschen und weichen ein paar Strümpfe, U-Hosen und ein T-Shirt ein, geben ein wenig Reisewaschmittel drauf und rühren den Sud um. Wird schon irgendwie sauber werden! Wir legen uns nach der Strapaze für zwei Stunden aufs Ohr - ausruhen.

Kurz nach 16 Uhr gehen wir mit Fama erneut durch das Dorf. Natürlich führt er uns zunächst zu einem kleinen Stand eines Freundes. Man hat sich hier schon ein wenig auf Touristen eingestellt, es gibt einige speziell für Besucher hergestellte Souvenirs. Weit draußen vorm Dorf, auf einem Hügel, gibt es auch einen Laden der hiesigen Handwerkerkooperative. Aber von Besuchermassen kann man hier nicht reden, da Kamerun touristisch nicht erschlossen ist. Es sind meist Individualreisende und Globetrotter wie wir oder relativ selten auch kleine Studienreisegruppen. Wir haben jedenfalls in den letzten Tagen nur sehr wenige weiße Besucher hier gesichtet. Fama zeigt uns noch die Dorfmühle, eine kleine Elektromühle, die in einer Hütte laut vor sich hinrattert. Jetzt wird es spannend, wir nähern uns dem Gehöft des Witch Doctors. Dieser genießt weit über die Grenzen von Rhumsiki hinaus großes Ansehen. Dies hängt mit dem Krabben-Orakel zusammen, welches das Dorf berühmt gemacht hat. Der Witch Doctor gehört zu den vier wichtigsten Persönlichkeiten des Dorfes. Laut Reisehandbuch soll er 80 sein. Fama sagt, er sei erst 57 und dieses Alter passt auch zu seiner Erscheinung. Einen Wechsel gab es voriges Jahr nicht, was darauf hindeutet, dass unser Reisehandbuch (3. aktuelle Auflage, Nov. 2001) wieder mal nicht stimmt. ;) Der Zauberer wird z. B. vom Chief des Dorfes über die Ernteaussichten befragt und wahrsagt Besuchern aus nah und fern die Zukunft. Natürlich macht er auch sehr gern "Wahrsagungen" für weiße Reisende. Er bedient sich dabei eines einzigartigen Krabben-Orakels. Dieses besteht aus einer Kalebassenhälfte, die mit Sand gefüllt ist. Im Sand stecken verschiedene Holz- und Kalebassenteilchen, die alle irgendetwas symbolisieren. Unter Murmeln von Zaubersprüchen gießt er Wasser hinzu und setzt eine Süßwasserkrabbe in die Schale. Dann legt er einen gewölbten Deckel auf das Orakel. Für die Krabbe wird es ein paar Sekunden stockfinster. Die Zaubersprüche werden intensiver. Der Doc deckt das Orakel wieder auf. Die Krabbe, nicht untätig, hat natürlich ein paar der Bruchstücke bewegt. Ausgehend von der Verschiebung der Teilchen findet der Zauberer nun Antworten auf die ihm gestellten Fragen oder weissagt die Zukunft.

Wir sollen ihm jeder 2 Fragen stellen, eine Frage kostet 1000 CFA. Die investieren wir gern, denn wann hat man schon einmal die Gelegenheit, einen echten afrikanischen Dorfzauberer zu befragen? Da der Witch Doctor nur Marki spricht, hat er einen Gehilfen (Es ist nicht sein Sohn, wie im Reisehandbuch behauptet wird.), der ein paar Sprachen beherrschen soll. Er heißt Anatol. Wir stellen ihm in Englisch unsere Fragen, er übersetzt und der Zauberer antwortet. Auf die Schnelle fällt mir nichts Sinnvolles ein. Ich frage ihn, wie meine berufliche Zukunft aussieht. Sinngemäß antwortet er, dass sich der Häuptling meiner Company über meine Rückkehr freuen wird und ich viel Geld verdienen werde (Hört, hört!). Nach etwa 3-4 Jahren wechsle ich die Firma und verdiene richtig viel Geld und werde schwerreich. Dann komme ich mit einer kleinen Gruppe von Freunden zurück nach Kamerun und baue hier in Rhumsiki Hotels und ähnliches. Ist der Witch Doctor im Wirtschaftsministerium angestellt? Oder nur Eigeniniative ? ;) Ich finde seine Weissagung hochinteressant, danke ihm. Die zweite Frage: Ich möchte wissen, was meine Tochter beruflich werden wird. Diese Frage versteht der Übersetzer nicht so recht. Die Antwort läuft fast auf die der ersten Frage hinaus. Aber egal, ich höre ehrfurchtsvoll zu und die Krabbe hat auch zu tun. Als wir das sehr interessante, enge Gehöft des Zauberers verlassen, bekommen wir einen kleinen "Schock": 4 weiße Touristen! Aber das war absehbar, Rhumsiki ist neben dem Waza-Nationalpark, den Sultanaten im Südwesten und einigen anderen Sehenswürdigkeiten ein mittlerweile recht bekannter Anziehungspunkt für die wenigen ausländischen Reisenden. Aber von Massentourismus, wie wir ihn kennen, ist das Dorf noch Lichtjahre entfernt und den wird es sicher (hoffentlich) auch nie geben. Wir "flüchten" mit Fama quer durch das Dorf. Anatol, der Übersetzer, hängt sich an uns dran.

Unterwegs begegnen wir einem komischen Kauz, der mir eine Baumwollspindel verkaufen will. Er schließt sich uns ebenfalls an und fällt mir bald schwer auf die Nerven. Ich möchte seine fast aggressiv angebotene Spindel nicht! Wir kommen zu einigen Hütten, vor denen 4 Weber an uralten primitiven Webstühlen arbeiten. Dahinter ist ein Stand mit Erzeugnissen aufgebaut. Der aufdringliche Typ schleppt alles mögliche aus Baumwolle an, nicht ohne mir ständig seine Baumwollspindel unter die Nase zu halten. Das halbe Dorf ist auf den Beinen wegen der Handvoll Touristen! Natürlich kann ich es verstehen, die Leute sind arm und müssen Geld verdienen. Aber sie verstehen es nicht, dies diskreter und unaufdringlicher zu realisieren. Das sagt sich leicht, da ich auf der anderen Seite stehe. Jeder Weiße ist für die Einheimischen ein reicher Mann, schließlich konnte er aus dem weit entfernten Europa, wo vermeintlich Milch und Honig fließen, sich einen teuren Flug nur zum Zeitvertreib bis hierher leisten! Also kann er auch etwas von seinem Reichtum abgeben und mir, dem Einheimischen, etwas schenken oder abkaufen. Fama ist da ganz anders. Er ist ruhig, höflich und zurückhaltend. Wir haben nie das Gefühl, dass er uns übervorteilen oder ausnutzen will. Er ist einfach ein angenehmer Begleiter. Wenn wir die Weber fotografieren wollen, dann sollen wir Geld geben. Für Fotos Geld geben? Nein, das widerspricht unseren Prinzipien. Ein paar Abzüge schicken ja, eventuell ein kleines Geschenk ja, aber kein Geld!

Wir verzichten und "flüchten" mit Fama und dem Übersetzer in Richtung des großen Berges, vor dem Rhumsiki liegt. Von einem Plateau aus, auf halber Höhe des Berges, hat man einen fantastischen Ausblick auf das Dorf und die Umgebung bis weit hinüber nach Nigeria. Wir lassen uns hier auf dem Felsen nieder. Anatol erzählt uns lang und breit die Sage von Rhumsiki. Kernaussage ist, dass vor etwa 200 Jahren ein alter Jäger namens Siki in die Gegend kam, den Berg (auf dem wir gerade sind) bestieg, um sich zu orientieren. Da ihm dieser Ort hier gut gefiel, ließ er sich mit seiner Familie hier nieder. Aus "Roum" (In Marki heißt das Berg.) und Siki wurde Rhumsiki. Das schmückt Anatol etwa 10 Minuten lang mit zahlreichen Add-On-Geschichten aus. Dann erzählt er uns noch ein paar lustige Familiengeschichten und dass er Fama Englisch beigebracht hat. Fama lacht. Wir fragen ihn, ob es hier eine Schule gibt. Er zeigt ins Dorf unten auf eine größere Hütte. Wie sieht das Schulsystem hier aus? Er sagt, dass es die Schulpflicht gebe und die per Zwang durchgesetzt werde. Die Eltern müssen Stifte und Bücher bezahlen, Schulgeld nicht. Das wäre für viele Familien sehr hart, sie müssten dann Ziegen und andere Nutztiere verkaufen.

Schade, dass ich nur so wenig Stifte mithabe, sonst hätte ich morgen die Schule besucht, aber wir wollen morgen nach Mogode zum Markt. Langsam sinkt die Temperatur hier in den Bergen wieder, Fama fröstelt schon in seinem T-Shirt. Für uns ist es nur ein wenig kühl, aber nicht kalt. Wir genießen noch ein wenig die schöne Aussicht, obwohl der Harmattan (der trockene, staubige Wind aus der Saharra) uns ein wenig die Sicht nach Nigeria nimmt. Wir steigen den Berg hinunter in das Dorf und schon kommen zahlreiche Kinder mit verschiedenen Münzen aus England, Holland und Deutschland (DM!) auf uns zu und fragen uns, wieviel das in CFA wohl seien. Ich, nichts ahnend, rechne es um und sage es ihnen. Und schon bittet mich jeder, ihm das Geld doch in CFA zu tauschen! Sie kommen nicht in die 60 km entfernte Stadt, wir aber schon. Dämliche Touristen! Nicht nur, dass sie den Kindern Geld geben, nein sie geben ihnen auch noch Währungen, mit denen diese nichts anfangen können! Und wir sollen es jetzt ausbügeln! Es ist schwer, den Kindern klar zu machen, dass wir das nicht machen können. Selbst wenn wir es wollten, die Banken nehmen so kleine Mengen nicht ab und tauschen nur Dollar oder Euro. Ein Junge hat gleich noch ein Problem. Er möchte von mir einen schönen Stift! Wie meint er das? Ach so! Der Stift, den ich unten im Tal dem kleinen Mädchen gegeben habe. Das hat sich aber in Windeseile herumgesprochen! Ich habe aber keinen mehr. Leider. Wir gehen ins La Casserole und laden Fama auf eine Cola ein, unterhalten uns noch ein wenig. Nach einiger Zeit bringt Victor das am Nachmittag bestellte Essen. Es gibt wieder Chicken mit Salat und dieses Mal Reis und Nudeln. Schmeckt wieder sehr gut, aber ob das mein Magen verträgt? Bis jetzt habe ich keine Probleme. Wir schreiben noch Tagebuch, lesen ein wenig und gehen zu Bett.

 
     
 
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