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Gegen 6 Uhr werde ich von Eselgeblöke, Hahnengeschrei
und lauten Motorgeräuschen geweckt. Michael hustet wieder
stark, ich erzähle ihm von den interessanten Bestattungsritualen
der Kapsiki. ;) Mich hat es mit Schnupfen und Husten jetzt
auch erwischt. Ich habe zwar Antibiotika und Schmerztabletten
für Notfälle mit, aber man will ja nicht gleich
auf die vielzitierten Spatzen mit den nicht weniger erwähnten
Kanonen schießen! Ich nehme mir vor, morgen in Maroua
irgendetwas dagegen zu besorgen. Nach dem Frühstück
bezahlen wir das Abendessen und die Übernachtung von
gestern sowie unser heutiges Frühstück. Das ist
ein kompletter Tag hier in Rhumsiki, sozusagen "Vollpension"
und kostet hier pro Person und in unserem Fall ca. 13 Euro.
Das ist angemessen, wenn man mit der sehr einfachen Unterkunft
und dem Essen klar kommt. Aber beides ist für uns voll
in Ordnung und Victor ist ein angenehmer Gastgeber. Wir wollen
heute die Piste, die wir vor 2 Tagen mit dem Buschtaxi gekommen
sind, bis nach Mogode zurücklaufen. Das sollen etwa 10
km sein und die Sonne brennt noch nicht allzu heiß.
In Mogode ist heute Markttag. Fama wartet schon auf uns, wir
kaufen noch eine Wasserflasche und ziehen los. Am Ortsausgang
läuft uns ein Mann hinterher und sagt, er habe hier ein
Restaurant. Nun ja, Bretterbude mit ein paar Hockern trifft
es wohl besser. Er zählt uns auf, was er alles so im
Angebot hat. Wir danken und teilen ihm mit, dass wir bei Victor
zu Abend essen. Diese Antwort reicht ihm offenbar nicht, er
geht noch einige Zeit neben uns her und wird nicht müde,
seine mündliche Speisekarte hoch und runter zu beten.
Ein Junge läuft die ganze Zeit ebenfalls neben mir her
und will mir ein Kreuz aus Messing verkaufen. Das hat er gestern
auch schon versucht. Ich sage ihm, dass ich Animist bin und
für das Kreuz keine Verwendung habe. Fama schüttet
sich fast aus vor Lachen. Einige Kinder begleiten uns. Ein
kleines schüchternes und niedliches Mädchen
ist auch dabei. Sie trägt ein paar Schulhefte. Fama sagt,
sie komme von der Schule zurück. Jetzt schon? Es ist
doch erst 8:30 Uhr. Vielleicht ist die Schule ausgefallen,
die Lehrer hier in der Provinz müssen ständig ihrem
wenigen Gehalt hinterher jagen und teilweise bis nach Yaounde
fahren, um es dort beim Ministerium einzufordern. Wir fragen
die Kleine über Fama, ob wir uns die Schulhefte einmal
anschauen dürfen. Das Mädchen gibt sie uns mit ernstem
Blick. Wir blättern ein wenig herum, es ist ein Schreibheft,
wo das Alphabet geübt wird und ein Lesebuch. Schade,
dass ich keine Stifte mehr habe! Ich gebe ihr eine Hautcreme
und zeige ihr die Verwendung, indem ich ein wenig davon auf
das kleine Händchen auftrage. Ab und an überholen
uns Pickups oder Mopeds, die wahrscheinlich zum Markt wollen.
Wir sehen wieder Frauen, die schwere Bündel mit Brennholz
auf dem Kopf balancierend des Weges kommen. Uns überholen
auch zwei alte Muslime, der eine auf einem Fahrrad, der andere
auf einem alten Gaul. Wir grüßen beide, sie lächeln
und grüßen zurück. Die Landschaft ist fantastisch,
heute sind bessere Sichtverhältnisse als gestern. Nach
einer Rast im Schatten einer Hütte setzen wir den Weg
fort.
Die Sonne kommt so langsam wieder in Hochform. Nach einigen
Kilometern marschiert eine Schulklasse
mit 3 Erwachsenen uns entgegen, ich fotografiere. Ein Lehrer
schimpft schrecklich in Marki und sagt in Englisch im Kommandoton,
dass er einen Stift oder 500 CFA dafür will! Stift? Ist
das ein Zufall oder hat er von den Kindern im Tal gehört,
denen ich gestern welche geschenkt hatte? Wir hatten eigentlich
vor, hier eine Schule zu besuchen und hätten auch kein
Problem, dort 5000 CFA oder mehr zu hinterlassen, wenn wir
sichergehen könnten, dass es auch für die Kinder
und Schulmaterial verwendet wird. Aber da der Mann in diesem
sehr aggressiven Ton daherkommt, ist uns die Lust dazu vergangen.
Auch Michael packt seinen Fotoapparat wieder ein und verzichtet
auf ein Foto. Wenn wir was geben, dann von uns aus! Fama beruhigt
den jungen Lehrer und sagt ihm, dass wir zu ihm gehören.
Das entspannt die Lage ein wenig, die beiden schubsen sich
im Scherz hin und her. Der Lehrer wünscht uns grimmig
eine gute Reise und die Kinder müssen weitermarschieren.
Die Strecke nach Mogode will nicht enden. Das sind doch jetzt
schon mehr als 10 km! Die Sonne brennt und Michael bekommt
wieder Atemprobleme. Plötzlich hält ein weißer
Pickup, hinten drauf sitzen zwei Schwarze, im Wagen ein junges
französisches Paar, welches wir gestern in der Nähe
von Rhumsiki schon einmal gesehen hatten. Sie haben wahrscheinlich
den Fahrer stoppen lassen. Wir danken ihnen und springen hinten
auf. Ich nehme auf einem Sack mit Yamswurzeln Platz. Der Fahrer
fährt nicht gerade zimperlich über die Piste, aber
es macht großen Spaß, eine Staubfahne hinter uns
herziehend. Es sind ungefähr noch 5 km bis Mogode. Wir
springen ab und bedanken uns noch einmal bei dem Fahrer -
es kostet nicht mal was. Es ist nur ein kleiner Markt, aber
dafür gut besucht von den Kapsiki und Leuten aus Nigeria.
Hier stehen an jeder Ecke Geldwechsler, die CFA in nigerianisches
Geld umtauschen, da dieses Geld hier auf dem Markt die dominierende
Währung zu sein scheint. Man sieht das übliche und
vielfältige Angebot, welches wir schon aus Maroua kennen.
An mehreren Ständen gibt es das starke, wie Milch aussehende
Hirsebier in Schalen und Töpfen. An einigen Ständen
sieht man Altkleider aus Europa, die hier für wenige
Pfennige verkauft werden. Alte getragene Leonardo di Caprio-T-Shirts
sind wohl der Renner hier. Eine junge schwarze Frau kommt
mir entgegen, auf ihrem T-Shirt steht in Deutsch: "Ich
bin blond. Bitte sprechen Sie langsam!". Wir zeigen auf
ihr T-Shirt und lächeln, sie versteht natürlich
nicht warum. Am Rande des Marktes machen wir Mittag. Ich habe
noch 5 Kekse in meinem Rucksack, dazu kaufen wir eine große
Cola und setzen uns auf zwei alte Kisten vor einer Bretterbude.
Fama ist mal kurz in den Markt zurückgelaufen, um Freunde
oder Verwandte zu besuchen. Michael macht ein Foto von mir.
Einer der ebenfalls vor dem Stand Sitzenden schaut böse
und fragt, ob er jetzt auch im Apparat drin sei. Ich sage
ihm, dass es nur ein Foto von mir ist. Man muss hier wirklich
manchmal, besonders wenn man es nicht vermutet, verdammt aufpassen!
Fama kommt zurück, wir gehen noch einmal über den
Markt. Überall werden Maispfannkuchen, Fladen und Brochettes
über offenem Feuer geköchelt. An einem Fleischstand
liegen zwei frischabgetrennte Rinderschädel noch mit
Fell und Hörnern. Auf dem Tisch dahinter ist das rohe
Fleisch in der Sonne zu sehen, große Macheten liegen
daneben bereit, um das Fleisch abzutrennen. An einem anderen
Stand gibt es Hunderte von Arzneimittel, die meisten davon
ohne Verpackung und Beipackzettel. Sicher ist vieles schon
abgelaufen, Fälschungen sind auch oft im Umlauf. Lautstark
wird mir Penicillin angeboten. Ein etwa 10-jähriger Junge
kommt mit einem selbstgebastelten Mikrophon aus Papier auf
uns zu und zeigt es uns. Dafür möchte er ein "Cadeaux".
Wir haben leider nichts mehr, ich gebe ihm einen Kaugummi.
Am Rande des Marktes kümmern wir uns um die Rückfahrt
nach Rhumsiki, zurücklaufen wäre bei der Hitze,
den inzwischen wohl 35 °C und der trockenen Luft, Wahnsinn.
Fama macht mit einem Pickup-Fahrer eine Mitfahrgelegenheit
für 14 Uhr aus. Wir dürfen dann sogar vorn in der
Kabine des uralten Toyotas sitzen. Bis dahin sind es noch
2 Stunden, die wir in einer Straßenkneipe verbringen
wollen. Hier gibt es aber so etwas nicht. Fama führt
uns ins Dorf, in ein kleines Steingebäude. Zwei winzige
dunkle Räume, jeder ca. 8 qm groß, mit ein paar
Brettern als Tisch und Bänke - hier essen kleine Händler
oder Leute aus dem Dorf. Die Wirtin hat leider keine Getränke,
die wir vertragen würden. Wir setzen uns auf einen alten
Teppich der kleinen, mit Bastmatten verkleideten Veranda des
Gebäudes. Überall Fliegen, die von den Essensresten
angezogen werden. Gekocht wird ein paar Meter weiter in einer
Rundhütte über offenem Feuer. Nebenan ist ein Schneider
mit einer uralten Singer-Nähmaschine zu Gange. Die Wirtin
räumt gerade einen der Brettertische ab. Die Reste auf
dem Plastikteller fliegen in hohem Bogen vor das Gebäude,
eine Ziege scheint schon darauf gewartet zu haben.
Mir werden es zu viele Fliegen, ich gehe rüber in den
Schatten eines Baumes. Wir haben immer noch über eine
Stunde Zeit. Wir laufen mit Fama noch einmal am Rande des
Marktes vorbei, hinüber zu den beiden in der Ferne sichtbaren
Vulkankegeln. Fama scheint hier fast jeden zu kennen! Freunde
von ihm begrüßen uns mit Handschlag, fragen wie
es uns geht. Wir kommen den Vulkankegeln näher, links
und rechts entlang eines Feldweges stehen Lehmhüttengehöfte.
Die Vulkankegel sehen sehr imposant aus, davor stehen zwei
große alte Bäume. Auf einigen Felsblöcken
rasten zwei alte Männer in traditionellen Gewändern.
Wir grüßen uns höflich. Auf der anderen Seite
des Weges lassen sich drei Jungs
nieder, die uns aus dem Dorf gefolgt sind. Sie grinsen rüber.
Ich knipse die 3 Bengels, nachdem ich sie zuvor gefragt habe.
Dafür gibt es ein paar Kaugummis als kleines Dankeschön,
weil sie nicht gleich nach "Cadeaux" gerufen haben.
Fama sagt uns, dass diese beiden Vulkankegel die Grenze zu
Nigeria bilden. Von Militär oder Polizei weit und breit
nichts zu sehen, nicht mal ein Schlagbaum. Wir sind praktisch
schon außer Landes! Von der nigerianischen Seite kommt
eine Rinderherde, begleitet von kleinen Kindern, die als Hirten
fungieren, herüber. Es ist fast 14 Uhr, wir machen uns
auf den Weg zurück ins Dorf. Ein letztes Mal gehen wir
über den sehr lebendigen Markt. Jetzt ist es ein noch
dichteres Gedrängel. Ich stolpere fast über eine
mit Kernseife voll beladene Schubkarre. Es ist ein sehr intensives
Erlebnis, so ein afrikanischer Markt! Der Pickup ist voll
beladen, hinten sitzen bereits etwa 16 Männer auf großen
Säcken. Man wartet schon auf uns, die Weißen, die
vorn in der Kabine Platz nehmen dürfen. Wir quetschen
uns auf den Beifahrersitz. Jetzt merken wir erst, wie lang
die Strecke selbst im Auto ist, die wir heute morgen gelaufen
sind. Nach etwa 20 Minuten kommen wir in Rhumsiki an. Wir
trinken bei Victor eine Cola und bestellen für den Abend
wieder Chicken mit Erdnusssoße und Süßkartoffeln,
nicht ohne die Kochkünste seiner Frau zu loben. Mit Fama
vereinbaren wir für 17 Uhr noch einen Spaziergang durch
das Dorf. Die Zeit bis dahin verbringen wir mit Ausruhen und
Lesen.
Wir laufen nachmittags wieder die bekannte Strecke durch
das Dorf hinauf zum Plateau des Pic de Rhumsiki, dem sehr
schönen Platz mit der fabelhaften Aussicht
über die Gegend, allerdings macht der Harmattan sich
auch heute wieder bemerkbar. Nach ca. einer halben Stunde
ist die Sonne untergegangen, unsere dritte Nacht in Rhumsiki
bricht an. Es ist wirklich ein wunderbarer Platz hier oben.
Unten im Dorf singen Kinder wieder das Lied, das sie schon
gestern für uns gesungen haben. Tatsächlich, da
steht ein großer Geländewagen am Hang, es sind
wieder 2 bis 3 Touristen im Dorf. Rhumsiki ist aufgrund seiner
schönen Landschaft kein Geheimtipp mehr. Der Individualtourismus
hat das Dorf schon lange für sich entdeckt. Als Dorfchief
würde ich von allen Besuchern eine Art Taxe abverlangen
und dieses Geld in gemeinnützige Projekte wie Brunnenbau
oder Schule stecken und gleichzeitig das Betteln verbieten.
Aber das ist ein sicher sehr idealistischer europäischer
Standpunkt. Als wir wieder unten im Dorf ankommen, singen
einige Kinder wieder dieses Lied, doch Fama sagt ihnen gleich,
dass sie das lassen sollen. Wir sind genau zu der Zeit vom
Berg herunter gekommen, als die Leute mit dem Geländewagen
abfuhren. Die Kinder umringen jetzt uns und laufen hinter
uns her. Auch der Junge von heute früh mit seinem Jesuskreuz
ist dabei, das ich immer noch kaufen soll. Er lässt einfach
nicht locker.
Sichtlich ebenfalls genervt dreht sich Fama um und sagt etwas
in Marki. Der Junge verschwindet, ein anderer will mir eine
Glocke verkaufen. Das geht so weiter, bis wir im La Casserole
ankommen. Victors Kneipe ist heute randvoll mit Leuten aus
dem Dorf, der Fernseher läuft - Fußball! Heute
spielt Kamerun gegen Togo! Unser mittags bestelltes Essen
steht bereits hinten in einer freigehaltenen Ecke auf dem
Tisch. Lecker! Wir essen, bis wir nicht mehr können,
da wir seit dem Frühstück keine Mahlzeit mehr hatten
(außer den fünf Keksen). Wir bezahlen und ich hole
Fama aus der Menge der Fußball schauenden Männer,
was nicht gerade einfach ist. Wir geben ihm die vereinbarten
5000 CFA für den zweiten Tag und legen noch 1000 CFA,
ein Feuerzeug und ein Spray (die letzten Cadeaux's) drauf.
Er bedankt sich in seiner ruhigen und höflichen Art.
Wir sagen ihm, dass wir ihm Fotos schicken werden. Es steht
immer noch 0:0. Ach ja, Fußball interessiert mich ja
nicht! Victor hat sich noch um eine Mitfahrgelegenheit für
morgen gekümmert. Er kann aber noch nicht genau sagen,
ob es ein Buschtaxi, ein Pickup oder ein Fahrzeug eines Cousins
ist, der gerade 2 Spanier in den Busch zum Übernachten
gefahren hat. Wir gehen auf unser Zimmer und packen etwas
wehmütig, da es uns hier sehr gut gefallen hat. Während
ich diese Zeilen schreibe, ertönt ein ohrenbetäubendes
Geräusch aus der La Casserole herüber - Kamerun
hat ein Tor geschossen, Togo sieht somit ganz schön "alt"
aus. Der Jubel ist sehr groß, Sprechchöre, Freudengesänge.
Es wird sicher sehr laut diese Nacht, obwohl unsere Hütte
ca. 200 m vom Gasthof entfernt steht. Bon nuit.
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