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9. Tag, Freitag, 25.01.2002 Rhumsiki - Mogode - Rhumsiki

Gegen 6 Uhr werde ich von Eselgeblöke, Hahnengeschrei und lauten Motorgeräuschen geweckt. Michael hustet wieder stark, ich erzähle ihm von den interessanten Bestattungsritualen der Kapsiki. ;) Mich hat es mit Schnupfen und Husten jetzt auch erwischt. Ich habe zwar Antibiotika und Schmerztabletten für Notfälle mit, aber man will ja nicht gleich auf die vielzitierten Spatzen mit den nicht weniger erwähnten Kanonen schießen! Ich nehme mir vor, morgen in Maroua irgendetwas dagegen zu besorgen. Nach dem Frühstück bezahlen wir das Abendessen und die Übernachtung von gestern sowie unser heutiges Frühstück. Das ist ein kompletter Tag hier in Rhumsiki, sozusagen "Vollpension" und kostet hier pro Person und in unserem Fall ca. 13 Euro. Das ist angemessen, wenn man mit der sehr einfachen Unterkunft und dem Essen klar kommt. Aber beides ist für uns voll in Ordnung und Victor ist ein angenehmer Gastgeber. Wir wollen heute die Piste, die wir vor 2 Tagen mit dem Buschtaxi gekommen sind, bis nach Mogode zurücklaufen. Das sollen etwa 10 km sein und die Sonne brennt noch nicht allzu heiß. In Mogode ist heute Markttag. Fama wartet schon auf uns, wir kaufen noch eine Wasserflasche und ziehen los. Am Ortsausgang läuft uns ein Mann hinterher und sagt, er habe hier ein Restaurant. Nun ja, Bretterbude mit ein paar Hockern trifft es wohl besser. Er zählt uns auf, was er alles so im Angebot hat. Wir danken und teilen ihm mit, dass wir bei Victor zu Abend essen. Diese Antwort reicht ihm offenbar nicht, er geht noch einige Zeit neben uns her und wird nicht müde, seine mündliche Speisekarte hoch und runter zu beten.

Ein Junge läuft die ganze Zeit ebenfalls neben mir her und will mir ein Kreuz aus Messing verkaufen. Das hat er gestern auch schon versucht. Ich sage ihm, dass ich Animist bin und für das Kreuz keine Verwendung habe. Fama schüttet sich fast aus vor Lachen. Einige Kinder begleiten uns. Ein kleines schüchternes und niedliches Mädchen ist auch dabei. Sie trägt ein paar Schulhefte. Fama sagt, sie komme von der Schule zurück. Jetzt schon? Es ist doch erst 8:30 Uhr. Vielleicht ist die Schule ausgefallen, die Lehrer hier in der Provinz müssen ständig ihrem wenigen Gehalt hinterher jagen und teilweise bis nach Yaounde fahren, um es dort beim Ministerium einzufordern. Wir fragen die Kleine über Fama, ob wir uns die Schulhefte einmal anschauen dürfen. Das Mädchen gibt sie uns mit ernstem Blick. Wir blättern ein wenig herum, es ist ein Schreibheft, wo das Alphabet geübt wird und ein Lesebuch. Schade, dass ich keine Stifte mehr habe! Ich gebe ihr eine Hautcreme und zeige ihr die Verwendung, indem ich ein wenig davon auf das kleine Händchen auftrage. Ab und an überholen uns Pickups oder Mopeds, die wahrscheinlich zum Markt wollen. Wir sehen wieder Frauen, die schwere Bündel mit Brennholz auf dem Kopf balancierend des Weges kommen. Uns überholen auch zwei alte Muslime, der eine auf einem Fahrrad, der andere auf einem alten Gaul. Wir grüßen beide, sie lächeln und grüßen zurück. Die Landschaft ist fantastisch, heute sind bessere Sichtverhältnisse als gestern. Nach einer Rast im Schatten einer Hütte setzen wir den Weg fort.

Die Sonne kommt so langsam wieder in Hochform. Nach einigen Kilometern marschiert eine Schulklasse mit 3 Erwachsenen uns entgegen, ich fotografiere. Ein Lehrer schimpft schrecklich in Marki und sagt in Englisch im Kommandoton, dass er einen Stift oder 500 CFA dafür will! Stift? Ist das ein Zufall oder hat er von den Kindern im Tal gehört, denen ich gestern welche geschenkt hatte? Wir hatten eigentlich vor, hier eine Schule zu besuchen und hätten auch kein Problem, dort 5000 CFA oder mehr zu hinterlassen, wenn wir sichergehen könnten, dass es auch für die Kinder und Schulmaterial verwendet wird. Aber da der Mann in diesem sehr aggressiven Ton daherkommt, ist uns die Lust dazu vergangen. Auch Michael packt seinen Fotoapparat wieder ein und verzichtet auf ein Foto. Wenn wir was geben, dann von uns aus! Fama beruhigt den jungen Lehrer und sagt ihm, dass wir zu ihm gehören. Das entspannt die Lage ein wenig, die beiden schubsen sich im Scherz hin und her. Der Lehrer wünscht uns grimmig eine gute Reise und die Kinder müssen weitermarschieren.

Die Strecke nach Mogode will nicht enden. Das sind doch jetzt schon mehr als 10 km! Die Sonne brennt und Michael bekommt wieder Atemprobleme. Plötzlich hält ein weißer Pickup, hinten drauf sitzen zwei Schwarze, im Wagen ein junges französisches Paar, welches wir gestern in der Nähe von Rhumsiki schon einmal gesehen hatten. Sie haben wahrscheinlich den Fahrer stoppen lassen. Wir danken ihnen und springen hinten auf. Ich nehme auf einem Sack mit Yamswurzeln Platz. Der Fahrer fährt nicht gerade zimperlich über die Piste, aber es macht großen Spaß, eine Staubfahne hinter uns herziehend. Es sind ungefähr noch 5 km bis Mogode. Wir springen ab und bedanken uns noch einmal bei dem Fahrer - es kostet nicht mal was. Es ist nur ein kleiner Markt, aber dafür gut besucht von den Kapsiki und Leuten aus Nigeria. Hier stehen an jeder Ecke Geldwechsler, die CFA in nigerianisches Geld umtauschen, da dieses Geld hier auf dem Markt die dominierende Währung zu sein scheint. Man sieht das übliche und vielfältige Angebot, welches wir schon aus Maroua kennen. An mehreren Ständen gibt es das starke, wie Milch aussehende Hirsebier in Schalen und Töpfen. An einigen Ständen sieht man Altkleider aus Europa, die hier für wenige Pfennige verkauft werden. Alte getragene Leonardo di Caprio-T-Shirts sind wohl der Renner hier. Eine junge schwarze Frau kommt mir entgegen, auf ihrem T-Shirt steht in Deutsch: "Ich bin blond. Bitte sprechen Sie langsam!". Wir zeigen auf ihr T-Shirt und lächeln, sie versteht natürlich nicht warum. Am Rande des Marktes machen wir Mittag. Ich habe noch 5 Kekse in meinem Rucksack, dazu kaufen wir eine große Cola und setzen uns auf zwei alte Kisten vor einer Bretterbude. Fama ist mal kurz in den Markt zurückgelaufen, um Freunde oder Verwandte zu besuchen. Michael macht ein Foto von mir. Einer der ebenfalls vor dem Stand Sitzenden schaut böse und fragt, ob er jetzt auch im Apparat drin sei. Ich sage ihm, dass es nur ein Foto von mir ist. Man muss hier wirklich manchmal, besonders wenn man es nicht vermutet, verdammt aufpassen!

Fama kommt zurück, wir gehen noch einmal über den Markt. Überall werden Maispfannkuchen, Fladen und Brochettes über offenem Feuer geköchelt. An einem Fleischstand liegen zwei frischabgetrennte Rinderschädel noch mit Fell und Hörnern. Auf dem Tisch dahinter ist das rohe Fleisch in der Sonne zu sehen, große Macheten liegen daneben bereit, um das Fleisch abzutrennen. An einem anderen Stand gibt es Hunderte von Arzneimittel, die meisten davon ohne Verpackung und Beipackzettel. Sicher ist vieles schon abgelaufen, Fälschungen sind auch oft im Umlauf. Lautstark wird mir Penicillin angeboten. Ein etwa 10-jähriger Junge kommt mit einem selbstgebastelten Mikrophon aus Papier auf uns zu und zeigt es uns. Dafür möchte er ein "Cadeaux". Wir haben leider nichts mehr, ich gebe ihm einen Kaugummi. Am Rande des Marktes kümmern wir uns um die Rückfahrt nach Rhumsiki, zurücklaufen wäre bei der Hitze, den inzwischen wohl 35 °C und der trockenen Luft, Wahnsinn. Fama macht mit einem Pickup-Fahrer eine Mitfahrgelegenheit für 14 Uhr aus. Wir dürfen dann sogar vorn in der Kabine des uralten Toyotas sitzen. Bis dahin sind es noch 2 Stunden, die wir in einer Straßenkneipe verbringen wollen. Hier gibt es aber so etwas nicht. Fama führt uns ins Dorf, in ein kleines Steingebäude. Zwei winzige dunkle Räume, jeder ca. 8 qm groß, mit ein paar Brettern als Tisch und Bänke - hier essen kleine Händler oder Leute aus dem Dorf. Die Wirtin hat leider keine Getränke, die wir vertragen würden. Wir setzen uns auf einen alten Teppich der kleinen, mit Bastmatten verkleideten Veranda des Gebäudes. Überall Fliegen, die von den Essensresten angezogen werden. Gekocht wird ein paar Meter weiter in einer Rundhütte über offenem Feuer. Nebenan ist ein Schneider mit einer uralten Singer-Nähmaschine zu Gange. Die Wirtin räumt gerade einen der Brettertische ab. Die Reste auf dem Plastikteller fliegen in hohem Bogen vor das Gebäude, eine Ziege scheint schon darauf gewartet zu haben.

Mir werden es zu viele Fliegen, ich gehe rüber in den Schatten eines Baumes. Wir haben immer noch über eine Stunde Zeit. Wir laufen mit Fama noch einmal am Rande des Marktes vorbei, hinüber zu den beiden in der Ferne sichtbaren Vulkankegeln. Fama scheint hier fast jeden zu kennen! Freunde von ihm begrüßen uns mit Handschlag, fragen wie es uns geht. Wir kommen den Vulkankegeln näher, links und rechts entlang eines Feldweges stehen Lehmhüttengehöfte. Die Vulkankegel sehen sehr imposant aus, davor stehen zwei große alte Bäume. Auf einigen Felsblöcken rasten zwei alte Männer in traditionellen Gewändern. Wir grüßen uns höflich. Auf der anderen Seite des Weges lassen sich drei Jungs nieder, die uns aus dem Dorf gefolgt sind. Sie grinsen rüber. Ich knipse die 3 Bengels, nachdem ich sie zuvor gefragt habe. Dafür gibt es ein paar Kaugummis als kleines Dankeschön, weil sie nicht gleich nach "Cadeaux" gerufen haben. Fama sagt uns, dass diese beiden Vulkankegel die Grenze zu Nigeria bilden. Von Militär oder Polizei weit und breit nichts zu sehen, nicht mal ein Schlagbaum. Wir sind praktisch schon außer Landes! Von der nigerianischen Seite kommt eine Rinderherde, begleitet von kleinen Kindern, die als Hirten fungieren, herüber. Es ist fast 14 Uhr, wir machen uns auf den Weg zurück ins Dorf. Ein letztes Mal gehen wir über den sehr lebendigen Markt. Jetzt ist es ein noch dichteres Gedrängel. Ich stolpere fast über eine mit Kernseife voll beladene Schubkarre. Es ist ein sehr intensives Erlebnis, so ein afrikanischer Markt! Der Pickup ist voll beladen, hinten sitzen bereits etwa 16 Männer auf großen Säcken. Man wartet schon auf uns, die Weißen, die vorn in der Kabine Platz nehmen dürfen. Wir quetschen uns auf den Beifahrersitz. Jetzt merken wir erst, wie lang die Strecke selbst im Auto ist, die wir heute morgen gelaufen sind. Nach etwa 20 Minuten kommen wir in Rhumsiki an. Wir trinken bei Victor eine Cola und bestellen für den Abend wieder Chicken mit Erdnusssoße und Süßkartoffeln, nicht ohne die Kochkünste seiner Frau zu loben. Mit Fama vereinbaren wir für 17 Uhr noch einen Spaziergang durch das Dorf. Die Zeit bis dahin verbringen wir mit Ausruhen und Lesen.

Wir laufen nachmittags wieder die bekannte Strecke durch das Dorf hinauf zum Plateau des Pic de Rhumsiki, dem sehr schönen Platz mit der fabelhaften Aussicht über die Gegend, allerdings macht der Harmattan sich auch heute wieder bemerkbar. Nach ca. einer halben Stunde ist die Sonne untergegangen, unsere dritte Nacht in Rhumsiki bricht an. Es ist wirklich ein wunderbarer Platz hier oben. Unten im Dorf singen Kinder wieder das Lied, das sie schon gestern für uns gesungen haben. Tatsächlich, da steht ein großer Geländewagen am Hang, es sind wieder 2 bis 3 Touristen im Dorf. Rhumsiki ist aufgrund seiner schönen Landschaft kein Geheimtipp mehr. Der Individualtourismus hat das Dorf schon lange für sich entdeckt. Als Dorfchief würde ich von allen Besuchern eine Art Taxe abverlangen und dieses Geld in gemeinnützige Projekte wie Brunnenbau oder Schule stecken und gleichzeitig das Betteln verbieten. Aber das ist ein sicher sehr idealistischer europäischer Standpunkt. Als wir wieder unten im Dorf ankommen, singen einige Kinder wieder dieses Lied, doch Fama sagt ihnen gleich, dass sie das lassen sollen. Wir sind genau zu der Zeit vom Berg herunter gekommen, als die Leute mit dem Geländewagen abfuhren. Die Kinder umringen jetzt uns und laufen hinter uns her. Auch der Junge von heute früh mit seinem Jesuskreuz ist dabei, das ich immer noch kaufen soll. Er lässt einfach nicht locker.

Sichtlich ebenfalls genervt dreht sich Fama um und sagt etwas in Marki. Der Junge verschwindet, ein anderer will mir eine Glocke verkaufen. Das geht so weiter, bis wir im La Casserole ankommen. Victors Kneipe ist heute randvoll mit Leuten aus dem Dorf, der Fernseher läuft - Fußball! Heute spielt Kamerun gegen Togo! Unser mittags bestelltes Essen steht bereits hinten in einer freigehaltenen Ecke auf dem Tisch. Lecker! Wir essen, bis wir nicht mehr können, da wir seit dem Frühstück keine Mahlzeit mehr hatten (außer den fünf Keksen). Wir bezahlen und ich hole Fama aus der Menge der Fußball schauenden Männer, was nicht gerade einfach ist. Wir geben ihm die vereinbarten 5000 CFA für den zweiten Tag und legen noch 1000 CFA, ein Feuerzeug und ein Spray (die letzten Cadeaux's) drauf. Er bedankt sich in seiner ruhigen und höflichen Art. Wir sagen ihm, dass wir ihm Fotos schicken werden. Es steht immer noch 0:0. Ach ja, Fußball interessiert mich ja nicht! Victor hat sich noch um eine Mitfahrgelegenheit für morgen gekümmert. Er kann aber noch nicht genau sagen, ob es ein Buschtaxi, ein Pickup oder ein Fahrzeug eines Cousins ist, der gerade 2 Spanier in den Busch zum Übernachten gefahren hat. Wir gehen auf unser Zimmer und packen etwas wehmütig, da es uns hier sehr gut gefallen hat. Während ich diese Zeilen schreibe, ertönt ein ohrenbetäubendes Geräusch aus der La Casserole herüber - Kamerun hat ein Tor geschossen, Togo sieht somit ganz schön "alt" aus. Der Jubel ist sehr groß, Sprechchöre, Freudengesänge. Es wird sicher sehr laut diese Nacht, obwohl unsere Hütte ca. 200 m vom Gasthof entfernt steht. Bon nuit.

 
     
 
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