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11. Tag, Sonntag, 27.01.2002 Maroua - N'Djamena (Tschad) - Yaounde

Gegen 7:30 Uhr sind wir noch allein beim Frühstücken im Garten des kleinen Hotels, ausgesuchte Händler breiten schon ihre Kunstgegenstände im Garten aus. Diese sind allerdings sehr schön und teilweise auch antik, also keine reine Touristenware. Die Händler vermeiden es tunlichst, ihre Waren aufdringlich an den Tischen anzupreisen, da sie sonst sicher nicht mehr vom Hotelbesitzer geduldet werden. Gegen 9 Uhr werden wir von Bleichgesichtern umzingelt, fast ausnahmslos Franzosen. Das nette spanische Ehepaar sehen wir nicht, vielleicht sind sie schon wieder unterwegs. Sie wollten noch nach Oudjilla und in den Waza-Nationalpark. Wir verbringen die Zeit bis zur Abfahrt des Hotelbusses mit Lesen und Tagebuch schreiben. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf die Leute um uns herum. Da ist ein etwa 40-jähriger französischer Geschäftsmann, der sich angeregt mit einer jungen und sehr hübschen Schwarzen im roten Zweiteiler unterhält. Er steht auf, ein flüchtiger Kuss, kurze Verabschiedung. Sie schaut ihm traurig hinterher, winkt noch einmal kurz. Gegen 10 Uhr fährt der Hotelbus, ein uralter Mercedes-Transporter mit einer selbstgebauten Holzkabine für 6 Personen, los. Der Flughafen liegt weit außerhalb von Maroua. Mit vollem Gepäck auf einem dieser kleinen Mopeds über diese Distanz zu reisen, wäre sicher nicht so das Wahre gewesen. Auf dem Flughafen treffen wir die "verrückten" radfahrenden Rentner aus Bayern wieder. Sie wollen über Yaounde nach Douala fliegen und am nächsten Tag nachhause. Ganze vier Wochen waren sie im Land. Und jetzt fällt uns auf, dass wir sie auch in Rhumsiki gesehen hatten, aber nicht den Radfahrern aus der Seemannsmission (Ankunft in Douala) zugeordnet haben. Sie machen uns, wie schon einige andere Leute zuvor, wenig Hoffnung, dass wir mit der VISA-Card hier irgendwo Geld bekommen. Es war ein fataler Fehler, den Flug zu buchen. Aber wahrscheinlich wären wir auch so mit dem Bargeld (Jeder hatte 600 Euro mit.) nicht über die Runden gekommen. Wir hatten uns voll auf das Reisehandbuch verlassen, wo die Aussage getroffen wurde, dass Kamerun über das beste Bankensystem in Schwarzafrika verfüge. Wir beschließen, morgen in Yaounde primär auf Frischgeldsuche zu gehen.

Im Flughafengelände muss man wieder sehr viel Geduld aufbringen. Wir geben unsere Rucksäcke auf, bereuen es jedoch gleich wieder, da die meisten Reisenden sogar größere Gepäckstücke als Handgepäck mitnehmen. Draußen, direkt vor dem Flieger, wird gerade das Gepäck verladen. Wir schnappen uns unsere Rucksäcke und nehmen sie mit in die Kabine. Leider ist dort nicht mehr ausreichend Platz in den Gepäckfächern über den Sitzen. Ich muss meinen Rucksack unter den Sitz des Vordermanns stopfen. Gegen 12:15 Uhr startet die Boing von Cameroon Airlines zu unserem Erstauen mit Ziel N'Djamena. Das ist die Hauptstadt vom Tschad! Ist das der richtige Flieger? Wenn die bayerischen Hardcore-Biker auch hier drin sitzen, dann wird es sicher auch die richtige Maschine sein. Nach ca. 20 Minuten landen wir auch schon im Tschad. Die Landebahn säumen einige Flugzeugwracks. Auch ein paar Flakgeschütze sind zu sehen, im Tschad ist Bürgerkrieg. Allerdings nur im Norden, soweit ich weiß. Aber Militärdiktaturen schützen natürlich ihre Flughäfen ganz besonders stark. Einige Passagiere steigen aus, ich nutze die Gelegenheit, meinen Rucksack über unseren Köpfen in einem frei werdenden Gepäckfach zu verstauen. Nach dem Start geht es Nonstop weiter bis Yaounde, das sind von N'Djamena aus ca. 1400 km. In Yaounde gibt es kaum Kontrollen für Inland-Reisende. Nur eine Krankenschwester stellt sich uns in den Weg und verlangt den Nachweis der Gelbfieberimpfung, da sie annimmt, dass wir aus dem Tschad kommen. Der Flughafen macht einen sehr modernen Eindruck, er wurde als Prestigeobjekt für die Hauptstadt gebaut, war allerdings nicht unbedingt notwendig. Es gab und gibt wichtigere Projekte im Land. Da der Flughafen 22 km außerhalb der Stadt liegt, wollen wir uns ein Taxi nehmen. Der Fahrer verlangt 7000 CFA. Das ist mehr, als wir im Linienbus von Douala nach Yaounde (270 km) bezahlt haben! Wir lachen und nennen unseren Preis: Max. 4000 CFA! Weder er noch die anderen Fahrer gehen darauf ein. Wir sind jetzt trotzig, schultern unsere Rucksäcke und sagen den Taxileuten, dass wir trampen.

Sie sind verblüfft und brechen in Gelächter aus. Das ist uns so ziemlich egal, wir müssen sparen. Wir lassen uns noch die Richtung zeigen, in welcher der Ausgang des Geländes liegt. Das Wachpersonal am Ausgang des Flughafens schaut ein wenig grimmig uns entgegen. Sie hören gerade einen Song von Alphablondie, den Michael aus Ghana kennt: "Jerusalem". Wir fragen sie, ob das tatsächlich der Song ist. Sie sind verwundert, dass wir als Weiße das Lied kennen, schauen plötzlich freundlicher zu uns rüber und zeigen uns noch die Richtung zur Hauptstraße. Etwa 300 m nach dem Schlagbaum kommt das erste Auto, direkt vom Flughafengelände, auf uns zu. Wir halten den Daumen in den Wind. Es ist ein nagelneuer Hyundai Elantra. Das Auto stoppt sofort seine eben aufgenommene Fahrt. Ein kräftiger Schwarzer sitzt am Steuer und fragt uns, wohin wir wollen. Kein Problem, wir können mit und müssen auch nichts bezahlen. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass er Colonel der kamerunischen Luftwaffe ist und Justin Mitlassou heißt. Als wir ihm sagen, dass wir aus Deutschland sind, meint er, er habe "Mein Kampf" gelesen. Wir sind peinlich berührt. Ich mache ihm klar, dass ich es nicht gelesen habe, es in Deutschland verboten ist, was leider nicht stimmt. Er hat in Frankreich auf einer Militärakademie studiert. Ich unterhalte mich mit ihm über Kampfflugzeuge, da ich mich da einigermaßen gut auskenne. Viel verrät er ja nicht, aber die Typen, die er nennt, sind meist aus Frankreich. Der Colonel fährt uns direkt in das von uns gewünschte Hotel Meumi. Die Fahrt geht mitten durch die Slums von Yaounde, Armut überall.

Das Meumi liegt mitten in solch einem Slum, ist aber ein von hohen Mauern und Wächtern abgeschirmtes Mittelklassehotel und - oh Wunder, man kann mit Visa-Card bezahlen! Es ist allerdings mit 25 € auch unser teuerstes Hotel bislang. Justin lädt uns in die kleine Bar des Hotels ein, fragt, was wir trinken möchten. Wir nehmen wie immer Cola. Er bestellt sich einen Whiskey mit Soda. Als wir ihm sagen, dass wir knapp bei Kasse sind und eine Bank suchen, die VISA-Card akzeptiert, zieht er sofort einen 10000 CFA-Schein und sagt, dass er den uns bis morgen leiht. Wir lehnen dankend ab, da wir noch über genügend Bares verfügen, aber eben nicht für 14 Tage. Wir erzählen noch ein wenig über Deutschland, fragen nach seiner Familie. Er hat 5 Kinder, seine Frau ist Journalistin und gerade in Mali (African Football Cup) unterwegs. Er stammt aus dem Norden, sein Dorf heißt Vina, nahe der Grenze zum Tschad. Er erzählt uns, dass er in der Secondary School 2 Jahre Deutsch gelernt habe, aber sich nicht mehr an die Vokabeln erinnern könne. Plötzlich fängt er an, "Am Brunnen vor dem Tore" zu singen und das fast ohne Akzent! Das habe er behalten, denn es sei ein sehr schönes Lied! Interessanter Mann, der Colonel. Er gehört zur Oberschicht des Landes, braucht sich bestimmt keine finanziellen Sorgen zu machen.

Ich schenke ihm meine letzten Postkarten aus Deutschland. Er sagt, dass er wahnsinnig gern mal nach Nürnberg reisen möchte. Während seines Studiums in Frankreich war er mal in Mulhouse und von dort aus mal kurz auf der deutschen Seite. Er gibt uns noch seine Adresse und Handynummer, falls wir seine Hilfe brauchen. Dann verabschiedet sich Justin von uns, nicht ohne uns noch ein paar Getränke auf seine Kosten zu bestellen. Wow! Jetzt haben wir Beziehungen bis in die "höchsten Kreise"! ;) Ich versuche es mir wieder anders herum vorzustellen: Zwei Schwarze in Deutschland und ein Bundeswehrgeneral! Wir checken ein und verlassen das Hotel, um schon einmal die Lage von einigen Banken und die Öffnungszeiten zu erkunden. Wir laufen quer durch die Slums, zurück nehmen wir besser ein Taxi, keine besonders sichere Gegend hier. Ein offenes Internet Office finden wir nicht, erkundigen uns aber nach einigen Banken. Die S.G.B.C-Bank wird uns mehrfach genannt. Schließlich fahren wir ins "La Terrasse", in dem wir bei unserem ersten Aufenthalt, direkt neben unserem damaligen Hotel, schon mehrmals gewesen sind. Im Restaurant sieht man wieder einige weiße Männer, die mit einheimischen Frauen am Tisch sitzen. Ich schaue mir eines dieser Mädchen kurz an, sie sieht wahnsinnig gut aus, denke mir jedoch nichts dabei. Draußen, als wir ein Taxi suchen, steht sie plötzlich hinter mir und berührt mich am Handgelenk. Sie sagt "Schatzi - komm..." - aha, eine Professionelle! Wir flüchten in das gerade haltende Taxi, keine Lust auf so ein zweifelhaftes Abenteuer! Ab ins "Meumi", Tagebuch in der Bar schreiben...

 
     
 
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