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Gegen 7:30 Uhr sind wir noch allein beim Frühstücken
im Garten des kleinen Hotels, ausgesuchte Händler breiten
schon ihre Kunstgegenstände im Garten aus. Diese sind
allerdings sehr schön und teilweise auch antik, also
keine reine Touristenware. Die Händler vermeiden es tunlichst,
ihre Waren aufdringlich an den Tischen anzupreisen, da sie
sonst sicher nicht mehr vom Hotelbesitzer geduldet werden.
Gegen 9 Uhr werden wir von Bleichgesichtern umzingelt, fast
ausnahmslos Franzosen. Das nette spanische Ehepaar sehen wir
nicht, vielleicht sind sie schon wieder unterwegs. Sie wollten
noch nach Oudjilla und in den Waza-Nationalpark. Wir verbringen
die Zeit bis zur Abfahrt des Hotelbusses mit Lesen und Tagebuch
schreiben. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf die Leute
um uns herum. Da ist ein etwa 40-jähriger französischer
Geschäftsmann, der sich angeregt mit einer jungen und
sehr hübschen Schwarzen im roten Zweiteiler unterhält.
Er steht auf, ein flüchtiger Kuss, kurze Verabschiedung.
Sie schaut ihm traurig hinterher, winkt noch einmal kurz.
Gegen 10 Uhr fährt der Hotelbus, ein uralter Mercedes-Transporter
mit einer selbstgebauten Holzkabine für 6 Personen, los.
Der Flughafen liegt weit außerhalb von Maroua. Mit vollem
Gepäck auf einem dieser kleinen Mopeds über diese
Distanz zu reisen, wäre sicher nicht so das Wahre gewesen.
Auf dem Flughafen treffen wir die "verrückten"
radfahrenden Rentner aus Bayern wieder. Sie wollen über
Yaounde nach Douala fliegen und am nächsten Tag nachhause.
Ganze vier Wochen waren sie im Land. Und jetzt fällt
uns auf, dass wir sie auch in Rhumsiki gesehen hatten, aber
nicht den Radfahrern aus der Seemannsmission (Ankunft in Douala)
zugeordnet haben. Sie machen uns, wie schon einige andere
Leute zuvor, wenig Hoffnung, dass wir mit der VISA-Card hier
irgendwo Geld bekommen. Es war ein fataler Fehler, den Flug
zu buchen. Aber wahrscheinlich wären wir auch so mit
dem Bargeld (Jeder hatte 600 Euro mit.) nicht über die
Runden gekommen. Wir hatten uns voll auf das Reisehandbuch
verlassen, wo die Aussage getroffen wurde, dass Kamerun über
das beste Bankensystem in Schwarzafrika verfüge. Wir
beschließen, morgen in Yaounde primär auf Frischgeldsuche
zu gehen.
Im Flughafengelände muss man wieder sehr viel Geduld
aufbringen. Wir geben unsere Rucksäcke auf, bereuen es
jedoch gleich wieder, da die meisten Reisenden sogar größere
Gepäckstücke als Handgepäck mitnehmen. Draußen,
direkt vor dem Flieger, wird gerade das Gepäck verladen.
Wir schnappen uns unsere Rucksäcke und nehmen sie mit
in die Kabine. Leider ist dort nicht mehr ausreichend Platz
in den Gepäckfächern über den Sitzen. Ich muss
meinen Rucksack unter den Sitz des Vordermanns stopfen. Gegen
12:15 Uhr startet die Boing von Cameroon Airlines zu unserem
Erstauen mit Ziel N'Djamena. Das ist die Hauptstadt vom Tschad!
Ist das der richtige Flieger? Wenn die bayerischen Hardcore-Biker
auch hier drin sitzen, dann wird es sicher auch die richtige
Maschine sein. Nach ca. 20 Minuten landen wir auch schon im
Tschad. Die Landebahn säumen einige Flugzeugwracks. Auch
ein paar Flakgeschütze sind zu sehen, im Tschad ist Bürgerkrieg.
Allerdings nur im Norden, soweit ich weiß. Aber Militärdiktaturen
schützen natürlich ihre Flughäfen ganz besonders
stark. Einige Passagiere steigen aus, ich nutze die Gelegenheit,
meinen Rucksack über unseren Köpfen in einem frei
werdenden Gepäckfach zu verstauen. Nach dem Start geht
es Nonstop weiter bis Yaounde, das sind von N'Djamena aus
ca. 1400 km. In Yaounde gibt es kaum Kontrollen für Inland-Reisende.
Nur eine Krankenschwester stellt sich uns in den Weg und verlangt
den Nachweis der Gelbfieberimpfung, da sie annimmt, dass wir
aus dem Tschad kommen. Der Flughafen macht einen sehr modernen
Eindruck, er wurde als Prestigeobjekt für die Hauptstadt
gebaut, war allerdings nicht unbedingt notwendig. Es gab und
gibt wichtigere Projekte im Land. Da der Flughafen 22 km außerhalb
der Stadt liegt, wollen wir uns ein Taxi nehmen. Der Fahrer
verlangt 7000 CFA. Das ist mehr, als wir im Linienbus von
Douala nach Yaounde (270 km) bezahlt haben! Wir lachen und
nennen unseren Preis: Max. 4000 CFA! Weder er noch die anderen
Fahrer gehen darauf ein. Wir sind jetzt trotzig, schultern
unsere Rucksäcke und sagen den Taxileuten, dass wir trampen.
Sie sind verblüfft und brechen in Gelächter aus.
Das ist uns so ziemlich egal, wir müssen sparen. Wir
lassen uns noch die Richtung zeigen, in welcher der Ausgang
des Geländes liegt. Das Wachpersonal am Ausgang des Flughafens
schaut ein wenig grimmig uns entgegen. Sie hören gerade
einen Song von Alphablondie, den Michael aus Ghana kennt:
"Jerusalem". Wir fragen sie, ob das tatsächlich
der Song ist. Sie sind verwundert, dass wir als Weiße
das Lied kennen, schauen plötzlich freundlicher zu uns
rüber und zeigen uns noch die Richtung zur Hauptstraße.
Etwa 300 m nach dem Schlagbaum kommt das erste Auto, direkt
vom Flughafengelände, auf uns zu. Wir halten den Daumen
in den Wind. Es ist ein nagelneuer Hyundai Elantra. Das Auto
stoppt sofort seine eben aufgenommene Fahrt. Ein kräftiger
Schwarzer sitzt am Steuer und fragt uns, wohin wir wollen.
Kein Problem, wir können mit und müssen auch nichts
bezahlen. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass
er Colonel der kamerunischen Luftwaffe ist und Justin Mitlassou
heißt. Als wir ihm sagen, dass wir aus Deutschland sind,
meint er, er habe "Mein Kampf" gelesen. Wir sind
peinlich berührt. Ich mache ihm klar, dass ich es nicht
gelesen habe, es in Deutschland verboten ist, was leider nicht
stimmt. Er hat in Frankreich auf einer Militärakademie
studiert. Ich unterhalte mich mit ihm über Kampfflugzeuge,
da ich mich da einigermaßen gut auskenne. Viel verrät
er ja nicht, aber die Typen, die er nennt, sind meist aus
Frankreich. Der Colonel fährt uns direkt in das von uns
gewünschte Hotel Meumi. Die Fahrt geht mitten durch die
Slums von Yaounde, Armut überall.
Das Meumi liegt mitten in solch einem Slum, ist aber ein
von hohen Mauern und Wächtern abgeschirmtes Mittelklassehotel
und - oh Wunder, man kann mit Visa-Card bezahlen! Es ist allerdings
mit 25 € auch unser teuerstes Hotel bislang. Justin lädt
uns in die kleine Bar des Hotels ein, fragt, was wir trinken
möchten. Wir nehmen wie immer Cola. Er bestellt sich
einen Whiskey mit Soda. Als wir ihm sagen, dass wir knapp
bei Kasse sind und eine Bank suchen, die VISA-Card akzeptiert,
zieht er sofort einen 10000 CFA-Schein und sagt, dass er den
uns bis morgen leiht. Wir lehnen dankend ab, da wir noch über
genügend Bares verfügen, aber eben nicht für
14 Tage. Wir erzählen noch ein wenig über Deutschland,
fragen nach seiner Familie. Er hat 5 Kinder, seine Frau ist
Journalistin und gerade in Mali (African Football Cup) unterwegs.
Er stammt aus dem Norden, sein Dorf heißt Vina, nahe
der Grenze zum Tschad. Er erzählt uns, dass er in der
Secondary School 2 Jahre Deutsch gelernt habe, aber sich nicht
mehr an die Vokabeln erinnern könne. Plötzlich fängt
er an, "Am Brunnen vor dem Tore" zu singen und das
fast ohne Akzent! Das habe er behalten, denn es sei ein sehr
schönes Lied! Interessanter Mann, der Colonel. Er gehört
zur Oberschicht des Landes, braucht sich bestimmt keine finanziellen
Sorgen zu machen.
Ich schenke ihm meine letzten Postkarten aus Deutschland.
Er sagt, dass er wahnsinnig gern mal nach Nürnberg reisen
möchte. Während seines Studiums in Frankreich war
er mal in Mulhouse und von dort aus mal kurz auf der deutschen
Seite. Er gibt uns noch seine Adresse und Handynummer, falls
wir seine Hilfe brauchen. Dann verabschiedet sich Justin von
uns, nicht ohne uns noch ein paar Getränke auf seine
Kosten zu bestellen. Wow! Jetzt haben wir Beziehungen bis
in die "höchsten Kreise"! ;) Ich versuche es
mir wieder anders herum vorzustellen: Zwei Schwarze in Deutschland
und ein Bundeswehrgeneral! Wir checken ein und verlassen das
Hotel, um schon einmal die Lage von einigen Banken und die
Öffnungszeiten zu erkunden. Wir laufen quer durch die
Slums, zurück nehmen wir besser ein Taxi, keine besonders
sichere Gegend hier. Ein offenes Internet Office finden wir
nicht, erkundigen uns aber nach einigen Banken. Die S.G.B.C-Bank
wird uns mehrfach genannt. Schließlich fahren wir ins
"La Terrasse", in dem wir bei unserem ersten Aufenthalt,
direkt neben unserem damaligen Hotel, schon mehrmals gewesen
sind. Im Restaurant sieht man wieder einige weiße Männer,
die mit einheimischen Frauen am Tisch sitzen. Ich schaue mir
eines dieser Mädchen kurz an, sie sieht wahnsinnig gut
aus, denke mir jedoch nichts dabei. Draußen, als wir
ein Taxi suchen, steht sie plötzlich hinter mir und berührt
mich am Handgelenk. Sie sagt "Schatzi - komm..."
- aha, eine Professionelle! Wir flüchten in das gerade
haltende Taxi, keine Lust auf so ein zweifelhaftes Abenteuer!
Ab ins "Meumi", Tagebuch in der Bar schreiben...
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