|
Nach dem Frühstück begleitet uns ein Hotelangestellter
zu einer Kreuzung, die wir gestern mehrmals zu Fuß und
im Taxi passiert hatten. Hier fahren einige Buschtaxis ab.
Er führt uns zu einem alten Kleinbus, der so aussieht,
als ob er gleich fahren würde. Unser Gepäck wird
eilig verladen, wir bekommen einen Platz direkt an der Schiebetür
und haben somit genug Beinfreiheit. Im Buschtaxi ertönt
lebensfrohe und coole afrikanische Musik, ich fühle mich
wohl. Die Fahrt geht zunächst bergauf, vorbei an zahlreichen
Plantagen, einfachen Holzbaracken, Bretter- und Wellblechbuden
- den Behausungen des Großteiles der hiesigen Bevölkerung.
Es folgen zahlreiche Stopps wegen Polizeikontrollen, Straßenmaut
oder dem Ein- und Aussteigen von Passagieren und die bekannten
Händlerofferten. Da ich an der Tür sitze, kann und
muss ich öfters aussteigen. Eine ältere Frau steigt
in den Bergen aus, lässt sich mehrere große Säcke
vom Dach des Kleinbusses herunterreichen. Bezahlt man eigentlich
mehr für soviel Gepäck? Während ich noch darüber
nachdenke und die Landschaft betrachte, fährt der Kleinbus
an. Ich springe, während das Buschtaxi anrollt, auf,
der Fahrer grinst, er hatte mich draußen stehend sicher
nicht bemerkt. Wir bekommen nach ein paar Kilometern wieder
neue Passagiere - einen Moslem und einen Handymenschen mit
weißem Hemd und Binder.
Nach ca. 2 h Fahrt kommen wir gegen 11 Uhr in Bafoussan an.
Der Buschtaxi-Bahnhof sieht auf den ersten Blick chaotisch
aus. Der Fahrer muss schon sein ganzes Können aufbieten,
um überhaupt auf den Platz auffahren zu können,
denn die Einfahrt ist von ab- und ankommenden Kleinbussen
blockiert. Er findet sogar einen Parkplatz in der langen Reihe
der parkenden Buschtaxis. Wir steigen aus, sofort werden wir
von Werbern anderer Kleinbusse umringt, die uns eine Weiterfahrt
vermitteln wollen. "Douala, Douala! Monsieur?" Nein,
wir wollen nicht nach Douala, sondern weiter nach Foumban.
Schnell ist ein Gefährt
gefunden, das schon turmhoch beladen und bis auf die allseits
unbeliebte letzte Rückbank schon voll besetzt ist. Der
Gott der Buschtaxi-Reisenden meint es heute gut mit uns, wir
müssen zum zweiten Mal an diesem Tag nicht stundenlang
auf die Abfahrt warten! Ich scanne noch schnell den angrenzenden
Markt nach Mineralwasser ab, da ich heute früh vergessen
hatte meine Malariaprophylaxe einzunehmen. Nach knapp 20 Minuten
ist es soweit, der Kleinbus ist zur Abfahrt bereit. Wir sitzen
ziemlich weit hinten, weit weg von der einzigen Schiebetür
in einem mehrfach überladenen Kleinbus. Zum ersten Mal
kommen mir leichte Bedenken. Vielleicht ist es das umständliche
Ein- und Aussteigen, weshalb auch die Einheimischen nur ungern
hinten sitzen wollen. Auch ein älterer Herr wollte nicht
zu uns hinter. Der stämmige schwarze Fahrer, ich habe
ihn Bud getauft (Er sieht wie das schwarze Pendant zum Haudrauf-Mimen
Bud Spencer aus und hat auch die Tonlage der deutsche Synchronstimme.),
macht ihm unmissverständlich klar, dass er nach hinten
muss. Ich glaube zwar nicht, dass der Bus sich bei dieser
Beladung auch nur einen Zentimeter bewegt, aber das muss er
wohl sicher schon seit Jahren, Tag für Tag. Und richtig
- er verlässt ächzend den Platz. Natürlich
erst einmal nur bis zur Tankstelle gegenüber, da der
Fahrer erst jetzt mit dem Geld der Fahrgäste auftanken
kann.
Die nächste Polizeikontrolle lässt nicht lange auf
sich warten, Bud schlendert lässig und in aller Seelenruhe
hinüber zu den Uniformierten, zeigt kurz seine Papiere
und steigt wieder ein. Unterwegs steigen noch zwei junge Frauen
und eine korpulente ältere Dame zu. Jetzt wird es richtig
eng bei uns hinten. Der Kopf des alten Herrn neben mir landet
auf meiner Schulter, der Kopf der Frau vor mir auf meinem
Unterarm, den ich auf die Lehne gestützt hatte. Steffen
- das menschliche Kissen! Beim nächsten Schlagloch lösen
sich die beiden Häupter von mir. Der ältere Herr
döst aber gleich wieder ein und lehnt sich gemütlich
bei mir an. Ich mache heimlich ein Foto vom Innenraum des
Buschtaxis. Und schon wieder eine Kontrolle! Ist das nervig!
Manchmal beträgt der Abstand zwischen zwei Kontrollen
nur einen Kilometer! Was soll das? Hier spielt doch Verkehrssicherheit
keine Rolle, sonst müssten die meisten Buschtaxis aus
dem Verkehr gezogen werden. Wieder ein Stopp, Straßenmaut
- das Sitzfleisch revoltiert. Der alte Herr neben mir wird
wach, erzählt etwas von einer Mission und das er gleich
aussteigen muss. Er weiß allerdings nicht so recht wo.
Frauen diskutieren lautstark. Stopp. Wir halten, werden von
Händlern umzingelt. Triefende Fleischspieße tauchen
haufenweise am Fenster auf. Erdnüsse, Bananen und Getränke
werden lautstark angepriesen. Mir gefällt dies immer
wieder, auch wenn ich selten etwas davon kaufe. Endlich! Wir
erreichen das Sultanat der Bamoun und dessen Hauptort Foumban.
Das Sultanat ist der südlichste islamische Vorposten
in Kamerun, mit einer langen Historie. Hier residiert El Hadj
Ibrahim Mbombo Njoya, der 19. Sultan in der Bamoun Dynastie,
die bis in das Jahr 1394 zurückreicht. Wir suchen zunächst
das billigste Hotel im Reiseführer auf, das "Beauregard".
Es soll sauber und 1997 renoviert worden sein. Frau Fuchs
(Anm: die Autorin des Reisehandbuches), wo haben Sie nur Ihre
Informationen her? Das Hotel ist eine einzige Bruchbude, zerschlissene
Betten, verrostete Duschen, kein Wasser! Alles nicht so schlimm,
aber das Bettzeug sollte wenigstens in Ordnung sein. Wir ziehen
weiter und laufen die katholische Mission des Ortes an, die
von belgischen Schwestern geführt wird. Dort soll es
5 saubere Zimmer geben.
Zwei junge Männer öffnen und führen uns in
einen Hinterhof. Dort zeigen sie uns einen Verschlag mit 6
Betten. Hier sieht es noch einen Tick übler aus als im
"Beauregard", Dusche und afrikanisches WC über
den Hof. Ich habe nichts gegen sehr, sehr einfache Unterkünfte,
weit weg vom europäischen Standard, aber ein gewisses
Level an Sauberkeit sollte schon vorhanden sein. Meiner Meinung
ist das hier nicht gegeben. Andere Unterkünfte haben
wir aber nirgends gesichtet. Die letzte Chance ist das "Le
Chalet", irgendwo am Ortsausgang. Einer der beiden jungen
Männern bringt uns zum Taxi und sagt, dass es 1500 CFA
kostet. Uns ist schon klar, dass der tatsächliche Preis
nicht mal halb so hoch ist und er die Hälfte des Geldes
vom Fahrer als Provision bekommt. Trotzdem steigen wir ein,
da wir nicht wissen wie weit es bis zum Hotel ist. Der junge
Mann begleitet uns. Das Le
Chalet liegt einige Kilometer außerhalb des Zentrums.
Das Zimmer sieht besser aus als im "Beauregard",
aber sehr heruntergekommen wie das ganze Hotel, dessen Vorderfront
ein wenig gestrichen worden ist. Wir nehmen es trotzdem. Jetzt
wird auch klar, warum der junge Mann mitgekommen ist, er bietet
sich als Guide an. Seine bisherigen Erläuterungen beschränkten
sich allerdings auf: "Dort ist eine Schule.", "Das
ist die Western Union Bank." Wir sind nicht blind. Und
Englisch kann er auch nicht. Wir schicken ihn zurück,
sagen ihm, dass wir uns nach der langen Reise erst einmal
ausruhen müssen. Nach einer halben Stunde machen wir
uns auf den Weg in die Stadt zurück. Das Hotel liegt
etwas weit ab, ein paar einfache Behausungen säumen die
rote Lehmstraße, die bis zu einer Teerstraße führt.
Dort nehmen wir uns ein Taxi. Und dieses kostet für die
gleiche Strecke nur 500 CFA. Es zeigt sich wieder, dass man
sich niemals ein Taxi vermitteln lassen sollte. Wir lassen
uns bis zum Sultanspalast
fahren. Der Eintritt ist inklusive Führung fair und angemessen.
Fotografiert werden darf nur von außen. Der Sultan hält
gerade Hof, sitzt im Haupteingang des Palastes auf einem Sessel.
Wir erfahren von unserem Führer einiges zur Geschichte
des Sultanats. Der Palast wurde 1913, nachdem der letzte aus
Bambuswänden und Strohdächern bestehende Palast
abgebrannt war, vom legendären Sultan Njoya in Anlehnung
an die deutsche Gouverneursresidenz (Buea) in Ziegelbausweise
errichtet und 1917 fertig gestellt. Wer sich mehr für
den bemerkenswertesten 17. Sultan der Bamoun Dynastie interessiert,
dem empfehle ich das Buch "Mandu Yenu" von C.Geary
und A. Ndam Njoya (direkter Nachfahre) aus dem Trickster Verlag
München (1985).
Das Museum des Palastes befindet sich im linken Flügel
und ist bemerkenswert gut geordnet Einige Ausstellungsstücke
sind auch beschriftet. Hier befinden sich kultische Gegenstände,
Waffen, Gewänder, Tanzmasken und vieles mehr aus der
langen Geschichte der Bamoun Dynastie. Sehr interessant finde
ich die Kriegssitte der Bamoun, ihren toten Feinden die Unterkiefer
herauszureißen und diese an den Hof des Sultans zu bringen.
Im Museum stehen zwei große Kalebassen, die mit einer
Vielzahl von Unterkiefern verziert sind und aus denen der
Sultan Wein trank. Das Englisch des Führers ist sehr
schwer zu verstehen, aber er gibt sich sehr große Mühe
und nimmt sich viel Zeit, uns die Geschichte seines Volkes
näher zu bringen. Da nur das Museum und leider nicht
die Frauenhäuser des Palastes zugänglich sind, verlassen
wir das Anwesen wieder. Am Eingang wimmeln wir noch zwei Guides
ab, die uns eine Führung durch die Stadt anbieten wollen.
Wir "flüchten" auf den großen Markt von
Foumban, der genau gegenüber des Palastes liegt. Dieser
unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Märkten
Kameruns, nur das er um die große Moschee von Foumban
herum angesiedelt ist und daher eine recht hübsche Kulisse
besitzt. Es ist jetzt 16:30 Uhr, wir haben seit dem Frühstück
nichts zu uns genommen. Wir suchen das "Royal Cafe",
das einem Sohn des amtierenden Sultans gehören soll.
Da wir es nicht finden können, heuern wir einen kleinen
Jungen an, der uns hinführt. Das Royal Cafe ist ein einfaches
Lokal mit Plastikstühlen im Keller eines Hauses, welches
eine Terrasse mit einem sehr schönen
Blick über einen Teil der Stadt hat. Der Chef des
Lokals sagt, dass er nur noch Hühnchen oder Fisch für
eine Person vorrätig hat. Wir nehmen das Hühnchen
mit Kartoffelchips und Kochbananen. Vor und während des
Essens wollen uns zwei etwa 10-jährige Jungs ein etwa
50 x 30 x 30 cm großes, sehr schönes Holzmodell
des Palastes verkaufen. Selbst wenn wir es kaufen wollten,
wir haben keine Möglichkeit, es zu transportieren, da
wir noch eine Woche das Land bereisen wollen. Leider verstehen
die Kinder das nicht.
Ich versuche es mit Pantomime. Sie ziehen nach etwa 20 Minuten
traurig ab. Wir bezahlen und verlassen das Lokal, da inzwischen
der TV-Apparat mit ohrenbetäubender Lautstärke angestellt
wurde und sich eine beachtliche Anzahl von Fußballfreunden
davor gruppiert hat. Wir suchen jetzt noch so etwas wie einen
kleinen Supermarkt, um Mineralwasser und ein paar Kekse aufzutreiben.
Fehlanzeige. Wir steuern einen kleinen Schuppen an, wo zwei
junge Männer alles Mögliche auf etwa 8 qm Fläche
verkaufen, und werden fündig. Jetzt noch ein Taxi und
zurück ins Hotel. Der Fahrer versucht uns 1000 CFA abzuknüpfen,
wir lehnen ab, er lenkt bei den üblichen 500 ein. Vor
dem Hotel will er wieder 1000 CFA, ich gebe ihm 600, da das
Taxi nicht ganz so schmutzig wie sonst war. Reicht ihm immer
noch nicht, wir lassen ihn stehen. Wir gehen auf unser Zimmer,
das Hotel ist leer und die Gänge sind dunkel. Jetzt betrachten
wir das Zimmer ein wenig genauer, es entpuppt sich als die
mieseste Bruchbude, die wir bisher hatten. Wir wollen gerade
nach unten gehen, um Tagebuch zu schreiben, da fällt
der Strom aus. Ich setze meine Stirnlampe auf, gehe durch
das stockfinstere Hotel. Einige Türen stehen offen. Ist
da jemand drin? Wasserhähne tropfen laut vor sich hin.
Echt starkes Gruselfeeling hier! Ich höre Schritte. Ein
Hotelangestellter kommt mir entgegen und meint, das sei Afrika.
Ist ja kein Problem, wir gehen in die Hotelkneipe. Nach 5
Minuten haben wir eine Kerze und 2 Cola auf dem Tisch stehen.
Wir schreiben Tagebuch, nach 30 Minuten ist der Strom wieder
da. Gegen 22 Uhr gehen wir zu Bett. Morgen wollen wir zurück
nach Bafoussan.
|