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Nach dem Frühstück verpassen wir knapp den großen
Reisebus nach Douala. Bei Jako Voyages erwischen wir aber
noch einen mittleren Bus, der sogar ohne lange Wartezeit losfährt.
Ich schwitze seit dem Aufstehen extrem: Hunderte kleine Schweißperlen
bedecken meine Arme. Trotz der Nähe des Atlantiks ist
das Klima feuchtheiß, von einer frischen Prise keine
Spur. Oder habe ich Fieber? Das Klima hier an der Küste
ist echt hammerhart. Die Hitze ist dabei nicht so das Problem,
aber die hohe Luftfeuchtigkeit! Und jetzt wieder 2 h im überfüllten,
sehr zugigen Bus! Ich wundere mich immer wieder, warum ich
bei diesen wechselhaften Bedingungen keinen Hexenschuss, eine
Verspannung oder Ähnliches mir zuziehe. Irgendwie bin
ich heute zum ersten Mal nicht gut drauf. Die nervtötende
moderne, sich an westlichen Einflüssen orientierende
und ohrenbetäubende Musik des Busfahrers gibt mir noch
den Rest. Ich bin drauf und dran, die zwei Lautsprecher direkt
über mir aus ihren Verankerungen zu reißen und
aus dem Fenster zu werfen! Bei einem kurzen Halt kaufen sich
meine Sitznachbarn noch stinkenden Trockenfisch. Ich bin auf
dieser Reise schon in schlechteren Bussen mitgefahren, aber
wie gesagt, ich habe heute zum ersten Mal ein kleines Formtief
und frage mich, warum tue ich mir das alles an. Im Zentrum
von Douala angekommen setzen wir uns sofort in ein Taxi. Dieses
bringt uns auf die andere Seite der Stadt, in die Vororte,
von wo aus wir vor einigen Tagen in den Westen des Landes
aufgebrochen waren.
Wir checken dieses Mal bei einem Buschtaxi-Unternehmen ein,
das sich Ali Baba Express nennt. Bleibt nur zu hoffen, dass
die 40 Räuber außen vor bleiben. ;) Wir bekommen
direkt hinter dem Fahrer Platz, eng wird es trotzdem - wie
immer. Nach einer halben Stunde geht es auch schon los. Buea
liegt ca. 65 km nordwestlich von Douala. Wieder die üblichen
Kontrollen, Mautstellen, Händler. Ungefähr 20 km
vor Buea bekommt der Fahrer massiven Ärger. Ein paar
Leute in Zivil stoppen den Kleinbus, legen ihre Nagelbretter
direkt vor die Reifen. Hinten schrauben sie das Ersatzrad
des alten Toyota-Busses ab. Die Männer draußen
schreien herum, die Fahrgäste schimpfen lautstark zurück.
Alle sind aufgeregt, wütend. Was ist hier los? Da einige
Fahrgäste Englisch sprechen, erkundigen wir uns. Die
Männer sind nicht von der Polizei, sondern vom Gouverneur
der Provinz. Sie bemängeln die Sicherheit des Fahrzeuges.
Hinten fehlt eine Scheibe, es wäre allgemein nicht verkehrssicher.
Das Ersatzrad ist ein Pfand, der Fahrer soll 1500 CFA (ca.
2 EUR) Strafe bezahlen.
Das leuchtet allerdings nicht sonderlich ein, denn hier ist
fast jedes Fahrzeug nicht verkehrssicher und durch die Polizeikontrollen
sind wir ja auch gekommen. Also reine Schikane? Abzockerei?
Oder wirklich ein ernsthaftes Bemühen, die Kleinunternehmen
zur Instandsetzung und somit zu mehr Verkehrssicherheit ihrer
oft abenteuerlichen uralten Fahrzeuge zu bewegen? Nach 10
Minuten Diskussion geht es trotzdem weiter, das Ersatzrad
bleibt am Straßenrand liegen. Bleibt nur zu hoffen,
dass wir die letzten Kilometer keine Reifenpanne haben. In
Buea angekommen kaufen wir uns an einem Stand ein Bündel
Bananen und eine frische Ananas. Wir nehmen ein Taxi und lassen
uns zunächst ins preiswerteste Hotel aus unserem Reiseführer,
in das UNI-Spot bringen. Michael schaut nach dem Zimmer, ich
warte im Taxi. Er meint, dass es mir wohl nicht so gefallen
würde - eine dunkle Höhle, kaum Licht und die Sanitäranlagen...
Wir lassen uns in das legendäre Buea
Mountain Hotel fahren. Das stammt noch aus der kurzen
deutschen Kolonialzeit in Kamerun.
Hier erholten sich vor dem Ersten Weltkrieg die deutschen
Beamten und Offiziere, da das Klima hier sehr angenehm ist.
Buea war auch deutscher Gouverneurssitz, der um etwa 1890
von Douala aufgrund des besseren Klimas hierher verlegt wurde.
Von 1901 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war Buea
Hauptstadt von Kamerun. Noch heute zeugen einige Gebäude,
besonders der gut erhaltene Gouverneurspalast, von der deutschen
Vergangenheit. Der Gouverneurspalast wurde von Jesko von Puttkamer
im wilhelminischen Stil erbaut und thront über dem Ort
am Fuße des Mt. Cameroon. Das Buea Mountain Hotel ist
ziemlich heruntergekommen. Die Eingangshalle steht fast leer,
ein kaputter Kamin in der Ecke, ein paar alte Sessel aus den
fünfziger Jahren und ein zerschlissener Teppich auf dem
Fußboden. Dies und die ebenfalls heruntergekommene Bar
im angrenzenden Salon lassen trotzdem noch den einstigen Zustand
erahnen. Ich finde es aber so wie es ist ok. Es passt einfach
hierher. Wir lassen uns die Zimmer zeigen. Es gibt für
20.000 CFA pro Nacht sogar noch zwei große Kolonial-Suiten,
alles größtenteils mit Möbeln aus der Zeit
um 1900 und den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts
ausgestattet. Gern hätten wir das große Zimmer
genommen, aber es ist uns ein wenig zu teuer.
Die normalen Zimmer sind kleiner, aber ausreichend. Da es
schon Nachmittag ist, ziehen wir sofort los - auf Spurensuche
nach der deutschen kolonialen Vergangenheit. Zunächst
suchen wir den deutschen
Friedhof auf, der sich in der Nähe einer Tankstelle
unterhalb des Gouverneurspalastes befindet. Leider ist der
winzige Friedhof abgeschlossen. Wir klettern in der Hoffnung
über die Steinmauer, nicht von Militär oder Polizei
dabei beobachtet zu werden. Die Gräber sind verwittert,
einige Inschriften jedoch gut lesbar. Die Leute sind meist
jung gestorben, entweder durch Krankheiten oder infolge von
Aufständen. Als nächstes suchen wir den Bismarck-Brunnen
auf, der vor dem alten Postamt steht und aus dem Jahre 1899
stammt. Inschriften wurden demontiert, aber man sieht noch
die Abbildung des deutschen Reichskanzlers in Stein gemeißelt.
Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zum Gouverneurspalast.
Wir passieren eine kleine Kaserne mit ein paar Soldaten, die
im Schatten sitzen.
Wir grüßen sie freundlich, sie lassen uns ohne
Probleme passieren. In den Palast kommt man nicht rein, denn
dieser ist eine der Residenzen des Staatspräsidenten.
Neben dem Palast steht ein klobiger mehrgeschossiger Betonklotz.
Weit und breit niemand zu sehen. Wir riskieren trotzdem kein
Foto, da dies streng verboten ist und wir nicht sehen können,
ob nicht vielleicht doch jemand hinter den Fenstern steht
oder von der Kaserne aus uns beobachtet. Wir laufen wieder
zurück und besuchen noch eine kleine Kirche. Diese wird
von den Presbyterianern unterhalten, ebenso die Schule nebenan,
wo auf dem Sportplatz etwa 500 Kinder gerade in Sportbekleidung
herummarschieren. Ein Sportfest? Presbyterianer-Missionen
sind in ganz Afrika und weltweit anzutreffen. Presbyterianer
sind Anhänger aller reformierten Kirchen, deren Kirchenordnung
auf der Presbyterialverfassung beruht und die eigene theologische
Traditionen besitzen. Die Kirchen, die in dieser Tradition
stehen, bilden neben den Lutheranern, Täufern und Anglikanern
die vierte Hauptgruppe, die im 16. Jahrhundert aus der Reformation
hervorging. Habe ich jedenfalls mal gelesen.
Da Buea der Hauptort der englischsprachigen Provinz South
West ist, haben wir hier nicht so große Probleme, uns
zu verständigen. Auch die Beschriftung ist hier überall
in Englisch gehalten. Die Bewohner sprechen untereinander
Pidgin-Englisch, was man nicht oder kaum verstehen kann. Aber
meistens können sie auch für uns verständliches
Englisch, was die Kommunikation erleichtert. In einer der
üblichen Straßenkneipen setzen wir uns zwischen
die Einheimischen. Wir trinken eine Cola und beobachten die
Straßenszene. Die Leute sind zwar meist sehr arm, haben
sich zum Sonntag aber besonders schick gemacht. Afrikaner
legen im Allgemeinen sehr viel Wert auf ordentliche und gepflegte
Kleidung, auch wenn viele von ihnen sehr arm sind. Oftmals
können sie nicht verstehen, wie die vermeintlich reichen
Europäer in heruntergekommenen und strapazierten Klamotten
(Globetrotter) herumlaufen. Wir laufen die Straße weiter
und biegen in eine Nebenstraße ein.
Hier kann eigentlich von einer Straße keine Rede mehr
sein, denn es liegen riesige Steine herum, der Weg ist zusätzlich
noch mit 30 Zentimeter tiefen Löchern übersät.
Hier kommt kein Auto durch. Links und rechts stehen sehr einfache
und ärmliche Hütten. Es herrscht für meine
Begriffe bittere Armut, die Menschen sind trotzdem sehr freundlich.
"Hello white Man!" oder "Hello Gentlemen!"
ist ab und an zu hören. Die Leute scherzen, sind vergnügt.
An einem Gemeinschaftsbrunnen wird Wasser gepumpt. Wir laufen
immer weiter durch das Viertel, suchen die Hauptstraße.
Vier Kinder folgen uns, halten aber Abstand. Nach der letzten
Hütte verzweigt sich der Weg, wir gehen nach rechts,
treffen einen Jugendlichen, den wir nach dem Weg fragen. Nach
ein paar Hundert Metern sind wir wieder auf der Hauptstraße,
die im Staub versinkt, da Teile davon rekonstruiert werden
und keine Asphaltdecke mehr vorhanden ist. Wir stoppen ein
Taxi - es ist zufällig der gleiche Fahrer, der uns heute
Mittag 3.000 CFA abgenommen hatte. Jetzt bekommt er nur 500,
er soll uns ins UNI-Spot fahren, dort wollen wir zu Abend
essen. Das UNI-Spot liegt zwischen dichten Bäumen und
Büschen, ist nur spärlich beleuchtet.
Es wird sehr schnell dunkel, wir haben kurze Hosen an, aber
ich habe glücklicherweise den Deet-Kampfstoff dabei,
mit dem wir uns gründlich einsprühen - zum Schutz
vor den lästigen Moskitos. Das Essen schmeckt gut, es
gibt ein recht scharfes Chicken Stew und preiswert ist es
auch noch. Drinnen wird wieder eifrig Fußball geschaut.
Ich gehe zum Bezahlen rein. Hier ist es ziemlich dunkel, der
Raum wird fast nur vom Fernseher beleuchtet, überall
sitzen Einheimische und Militärs bei ihrem Bier herum
und diskutieren über das gerade laufende Spiel. Wir fahren
mit einem Sammeltaxi zurück ins Buea Mountain Hotel.
Unterwegs wird ebenfalls eifrig und sehr lautstark über
Fußball in Pidgin diskutiert. Wir gehen aufs Zimmer,
bauen die Moskitonetze, schreiben Tagebuch und hauen uns aufs
Ohr.
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